Pudelliebe

Ich kam übrigens durch einen Mann zum Pudel.
Der, den ich damals liebte, hatte keinen Hund, als wir uns kennen lernten. Nachdem wir ungefähr ein Jahr zusammen waren, ließ er eines Abends unvermittelt die Pudel-Bombe platzen, als wäre das nichts Besonderes, was eine Frau über einen Mann wissen müsste.
„Pudel sind meine Lieblingshunde”, sagte er beiläufig.
„Pudel?” fragte ich, ungläubig.
„Großpudel”, sagte er. „Königspudel. Nicht die kleinen Kläffer.”
Das war ein Schlag. Ich selber hatte bis dahin meist Hunde, die ich aus irgendwelchen Mülleimern gezerrt hatte, oder durch unglückliche Umstände ihr Zuhause verloren hatten. Ganz „normale” Hunde, die haarten, sabberten und Mülleimer umwarfen. Nicht solche, die ihr Dasein infrage stellten, weil sie sich von ihrem inneren Hund entfremdet hatten oder davon träumten, Aquarellmalern Modell zu stehen.
Ich kannte auch niemanden, der sich offen zum Pudel bekannte. Nur die Jakob-Sisters. Als ich neun war, waren die in einem kleinen hessischen Ort unsere Nachbarn. Sie wohnten in einem weißen Anwesen und hatten außer fünf kleinen weißen Pudeln ein ganzes Zimmer mit weißblonden Perücken und Haarteilen. Für uns Nachbarskinder war der Zutritt verboten. Trotzdem schlichen wir eines Tages hinein und gruselten uns begeistert, als würden wir uns eine Sammlung falscher Zähne ansehen. Wir wurden erwischt und angeschrien, während die Pudel kläfften. Ein unschönes Erlebnis, das ich für immer mit Pudelleuten verband: Perücken, Kreischen, Kläffen, falsche Zähne.
Sie können sich vorstellen, wie ich mich fühlte, als sich herausstellte, dass ich mit so jemandem Tisch und Bett teilte, ohne es zu ahnen. „Pudel sind die klügsten aller Hunde”, erklärte der Mann. „Wußtest Du, das sie Entenjagdhunde sind und in Vietnam als Kriegshunde eingesetzt wurden?” Ich fand sie trotzdem affig. Aber man muss ja nicht in allem einig sein, schon gar nicht, wenn man sich liebt.
Verschiedene Anzeichen hatten mir längst signalisiert: Dieser Mann brauchte einen Hund. Das denke ich allerdings immer gleich, sobald jemand auf eine Krise zusteuert oder gelangweilt guckt. Seine Arbeit schien ihm nicht mehr so viel Spaß zu machen, er fühlte sich ausgebrannt -Sie kennen das. Kurz darauf erzählte mir eine Freundin von einem Großpudel, der ein neues Zuhause brauchte, weil seine Besitzer in eine Wohnung ziehen wollten, in der Hundehaltung verboten war. „Super Hund”, sagte meine Freundin. „Magst Du Pudel?” fragte ich. „Pudel sind meine Lieblingshunde”, erklärte sie. „Also: Großpudel.”
Noch eine. Ich fühlte mich umzingelt. Je mehr sie von dem Pudel erzählte, desto mehr klang er wie der Traumhund des Mannes bei mir zuhause. Sollte ich ihm davon erzählen auf die Gefahr hin, dass ich womöglich bald die Freundin eines Mannes mit Pudel sein würde? Oder nichts sagen und mit der Schuld leben?
Ich sagte es ihm. Wir fuhren hin. In einer merkwürdigen Wohnung trafen wir auf 25 Kilo schwarze Locken. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie groß Großpudel waren: Kein kleiner Fifi. Das hier war ein schöner, zotteliger Hund mit echtem Hundegeruch. Er schoß auf den Mann zu, als wüsste er genau, dass der seine Fahrkarte in ein neues Leben wäre. Er sprang auf seinen Schoß, Pfoten auf die Schultern, und schlabberte ihn ab, die Brille, das Gesicht, den ganzen Kopf. Der Mann lachte wie ein kleiner Junge. Auf der Rückfahrt saß der sehr große Pudel auf dem Rücksitz und sabberte. Er war ein richtiger Hund. Der Mann strahlte mit glücklichen, seligen Augen. Ich war stolz, denn ich hatte dafür gesorgt, dass er sich so gut fühlte. Ich badete in diesem Gefühl, in diesem Moment hätte ich ihm auch eine Krawatte mit Pudeln drauf geschenkt, oder das Wohnzimmer mit Pudel-Nippes dekoriert. Vergessen war das weiße Anwesen, die weißen Zwergpudel, die weißblonden Perücken. Der Pudel war wunderbar. Er war ein richtiger Hund, und er sabberte wirklich sehr. Und dann kotzte er ins Auto. Der Mann lächelte noch immer.
Seitdem liebe ich Pudel. Weil man sich in ihrer Nähe so gut fühlt.
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