Rampensäue

bildvom 3.10.2010
Ich habe keine Ahnung, woran es liegen kann, dass meine Hunde solche Rampensäue sind. Von mir haben sie das jedenfalls nicht. Trotzdem sind sie allesamt davon überzeugt, ihnen stünde ein Leben im Rampenlicht zu. Und das zieht sich hartnäckig durch die verschiedenen Generationen meiner Hunde. Vielleicht nehme ich sie zu ernst – aber wenn sie ein Buch schreiben würden, würde der Titel wahrscheinlich „Ein Leben im Scheinwerfer” lauten. Ende Juli war ich im „Kölner Treff”, der Talk-Show von Bettina Böttinger eingeladen und wurde von meiner schwarzen Pudelin Luise begleitet. Ab dem Moment, in dem die Kameras liefen, übernahm Luise die Show. Sie bettete ihr schwarzes Haupt auf die weiße Hose von Bettina Böttinger und guckte seelenvoll. Sie legte sich vor den Kölner Bürgermeister zu meiner linken und forderte ihn während der Sendung auf, ihren Bauch zu kraulen. Als die Gespräche sie nicht länger interessierten, verließ sie das Podest und machte eine gepflegte Runde durchs Publikum, ließ sich hier das Ohr kraulen, begrüßte da jemand anderen. Als sie genau einmal durch die Reihen gegangen war, kam sie zurück aufs Podium und setzte sich direkt vor Bettina Böttinger. Da konnte sie sich sicher sein, dass die Kamera sie nicht verfehlte.
Mein mittlerweile verstorbener Mops Theo war da sehr ähnlich veranlagt. Weil er eine angenehme, unaufdringliche Größe hatte, nahm ich ihn häufig mit zu großen Fotoproduktionen, weil er für ausgeglichene Stimmung sorgte: Mit seinen üblichen Zaubertricks im Gepäck wie Charme, übernatürlichen sozialen Fähigkeiten und seiner Leidenschaft fürs Scheinwerferlicht war er genau der Richtige, um Menschen mit Unsicherheiten oder Befindlichkeiten dazu zu bringen, sich ganz wie Zuhause zu fühlen. Einmal machten wir über viele Tage verteilt ein großes Shooting mit sämtlichen Tatort-Kommissaren für die inzwischen auch verstorbene Zeitschrift „Vanity Fair”. Für das Titelbild fotografierten wir Andrea Sawatzki und Jan Josef Liefers. Andrea Sawatzki kam im Studio an und wirkte nervös, ging sie die Kleider durch, die für sie vorgesehen waren und schien nicht zu finden, was sie erhoffte -da kam Theo, pflanzte seinen dicken kleinen Hintern auf ihre nackten Füsse und atmete tief durch: In diesem Moment verfiel Andrea Sawatzki dem Mops (inzwischen hat sie selber einen), entspannte sich, und alles war gut. Schließlich ging es um das Titelfoto, Andrea Sawatzki wurde auf die linke Seite gesetzt, Jan Josef Liefers auf die rechte. Theo seinerseits hatte noch keinen Fototermin erlebt, bei dem er nicht der Star war, und sah keinen Grund, sich von Andrea Sawatzki oder Jan Josef Liefers die Show stehlen zu lassen. Er trabte eilig ins Set, setzte sich genau in die Mitte zwischen die beiden Schauspieler und begann zu posieren: „Ich wäre dann so weit!” Es bedurfte einiger Überredungskunst und mehrerer Frikadellen, Theo davon zu überzeugen, dass er bei einem „Tatort”-Shooting nur für die gute Laune der Anwesenden zuständig war, nicht für die Vervollkommnung des Fotos.
Selbst Harry, mein Zitteraal von einem Italienischen Windspiel, der vor den meisten Dingen echte, große Angst hat, fremden Leuten grundsätzlich misstraut und in ungewohnter Umgebung praktisch nicht zu gebrauchen ist, macht eine Ausnahme mit seiner Neurose, wenn es um Fotoaufnahmen geht: Sobald er die Scheinwerfer auf sich gerichtet fühlt, entspannt er sich, setzt sich in Pose, verändert die Positur, setzt sich mitten ins warme Licht und schläft irgendwann völlig entspannt ein – egal, wie viele Fotografen, Assistenten oder Make-Up-Leute herumstehen, pfeifen, mit Kekstüten rascheln, damit die Hunde in die Kamera gucken oder die Ohren aufstellen.
Mir ist das rätselhaft. Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit dem alten Spruch „Wie der Herr, so’s G’scherr.”

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