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Stadt, Land, Lust!

dogs_klein Ausgabe September/Oktober

Schwierig zu sagen, wie eine Wunschvorstellung entsteht. Ich war ein überzeugter Stadthundehalter, und plötzlich begann ich, vom Leben auf dem Land zu träumen. Zuerst so, wie man davon träumt, einmal im Segelboot nach Tahiti zu reisen. Ich hatte nicht vor, mir Hühner anzuschaffen und morgens die Eier einzusammeln (abgesehen davon, dass meine schwarze Großpudelin Luise die Hühner im Nullkommanix erjagen würde), ich wollte nie Tomaten züchten, Radieschen ernten, Naturkosmetik verwenden und einen Komposthaufen anlegen. Ich vertrage Dr. Hauschka und Radieschen nicht, und wenn ich etwas kompostiere, dann nur aus Versehen. Meine Hunde schätzten das Leben in der Stadt durchaus, wo kein Spaziergang dem anderen gleicht; sie mochten den beiläufigen sozialen Austausch mit anderen Hunden, freuten sich über Grillabfälle im Park und genossen es, im Café von Fremden umworben zu werden. Nachmittags wurden sie von mir in große Parks oder Wälder kutschiert, damit sie ihre eigentliche Bestimmung nicht vergaßen und Kontakte zu Wildschweinen und Eichhörnchen pflegen konnten.
Mein Traum vom Landleben wurde zum Tagtraum, je mehr Tai-Chi-Ausübende und schnaufende Marathonläufer ich im Park traf. Oder Kampfradfahrer, die pfeilschnell über die Gehwege fegen und für die jedes Bremsen das Eingestehen einer Schwäche und Hunde Freiwild bedeuten. Oder humorbefreite Mütter, die mit ihren technisch hochgerüsteten Kinderwägen mit ihren gleichartig ausgestatteten Freundinnen auf dem Weg zum nächsten Latte Macchiato wie eine Kampfgeschwaderformation den ganzen Bürgersteig einnehmen und Hundebesitzer als eine Mischung aus bakterienverbreitenden Untermenschen und Kleinkriminellen betrachten.

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Der Landtraum schien eine echte Alternative zu sein. Ich gebe zu: Er hatte etwas von „Unsre kleine Farm”; ich stellte mir meine Hunde vor, die vergnügt und leinenfrei durch Gräser hopsten und im Garten chillten oder sich amüsierten, während ich langweilige Stunden am Computer hockte. Und obwohl ich der Meinung bin, dass man Hunde zum Allgemeinwohl gerade in der Stadt braucht, weil sie Natur in die Stadt bringen und damit die Stadt menschlicher machen, machte ich mich davon. In die Pampa.
Den Hunden war es recht, so, wie ihnen vorher die Stadt recht gewesen war. Unter freiem Himmel im Garten mussten sie ihre Naturtauglichkeit unter Beweis stellen: Zuerst erschreckte sich Harry, das Italienische Windspiel vor einem ungefähr daumennagelgroßen Frosch im Gras fast zu Tode, lernte den Umgang mit wilden Tieren aller Arten aber bald. Ich spare sehr viel Fahrzeit, weil ich nur noch aus dem Gartentor treten muss, um im Wald zu stehen, anstatt durch die halbe Stadt zu gurken. Ich brauche diese gewonnene Zeit auch dringend, weil ich nun mit Anti-Jagdtraining anfangen musste, denn Harry begriff bald, dass es viel lustiger war, Rehe statt Fahrrädern zu jagen, weil Rehe einen nicht anbrüllen. Nachdem meine Hunde irgendwann fächerförmig am Horizont verschwunden waren, besorgte ich Scheppleinen in unterschiedlichen Farben und einen großen Vorrat des trockenen Rotweines, den der Revierförster besonders schätzt. Unsere Spaziergänge wurden zu einer Art Reality-Show für alle Jäger des Umkreises, die von ihren Hochsitzen verfolgten, wie ich mit fünf Hunden an bunten, sehr langen Leinen durch Wald und Feld stapfte, was von oben aussehen musste wie eine Art Makramee für Fortgeschrittene.
Mittlerweile sind meine Hunde von Rehen total gelangweilt: es gibt zu viele hier. Dafür haben sie festgestellt, dass man sich in verwesenden Kröten genau so gut wälzen kann wie in vergammelten Schulbroten, wenn nicht besser, und Ziegenköttel zwar nicht ganz so abwechslungsreich schmecken wie der Müll im Park nach einem warmen Sommerabend, aber dafür wird einem davon offenbar weniger schlecht.
Meine ex-Stadthunde wurden zu echten Kerlen, denen die Elemente und Dreck nichts anhaben können und eine wahre Leidenschaft für Schlammbäder entdeckten. Hatten sie im Teich im Stadtpark noch artig am flachen Ufer gekneippt, warfen sie sich nun direkt in den Modder hinein, wälzten sich mit Leidenschaft darin und dekorierten sich anschließend mit Blättern und altem Gras. Es sah aus, als wäre ich mit einer Hundetruppe im Camouflage-Muster unterwegs. Glücklicherweise kann ich sie im Garten einfach mit dem Schlauch abspritzen. Einfach aussperren, bis sie getrocknet sind klappt nicht: Als ehemalige Etagenhunde sind sie nicht gewohnt, sich ohne mich im Freien aufzuhalten. Sie finden, ihr Platz sei an meiner Seite. Und zwar immer. Sonst tun sie das, was sie gelernt haben: Niemals Kratzen, sondern bellen, bis die Tür auf geht. Das stört die ländliche Stille dann doch empfindlich.
Unsere Spaziergänge sind lang, ungestört und romantisch. Jogger und Fahrräder sind so selten, dass man sich geradezu über sie freut. Im Teich schwimmen Wildgänse, auf dem Feld sehen wir Kraniche, abends Nachtigallen und rufen die Käuzchen, die Jahreszeiten kann man riechen.
Nur Luise macht manchmal den Eindruck, als würde sie gerne mal wieder gepflegt ins Café gehen. Leute gucken.

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