Klickt es bei Ihnen?

Mit „Don’t Shoot the Dog!“ schrieb Karen Pryor das Buch, das Tiertraining auf der ganzen Welt revolutionierte. Sie machte die wissenschaftliche Methode der „positiven Verstärkung“ einem breiten Publikum verständlich und wurde zur Pionierin angst- und gewaltfreien Trainings

Im vergangenen Oktober durfte ich die große (dabei ganz kleine) Karen Pryor für die DOGS in Boston interviewen.

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(siehe hier:  DOGS_Karen_Pryor) den Original-Artikel aus der DOGS)

Dafür, dass Karen Pryor zu den echten „Veränderern“ der Tier-Ausbildung gehört, ist sie sehr bescheiden. Mit 82 Jahren bewegt sie sich schnell und mädchenhaft. Sie wirkt völlig uneitel und vergnügt, mit warmen Augen, die mehr gelacht als geweint haben. Sie hat eine über vierzigjährige Karriere hinter sich, hat mit Wissenschaftlern, Psychologen und Verhaltensbiologen gearbeitet. Sie hat Tiertrainer, Zooangestellte, Ozeanarier, Haustierhalter und die Abteilung für Meeresbiologie der US-Marine beraten – und nicht zuletzt zahllosen Tieren und deren Betreuern das Leben unendlich erleichtert.

Was ist Clickertraining?

Ihr Buch Don’t Shoot the Dog! (zu Deutsch: „Positiv verstärken – sanft erziehen“) gilt heute als bahnbrechender Text. Es ging dabei gar nicht um Hundeerziehung, sondern darum, wie man mithilfe operanter Konditionierung effektiv, freundlich und respektvoll das Verhalten all jener verändern kann, mit denen wir unser Leben teilen – Mensch oder Tier gleichermaßen. Das Buch beschreibt viele Möglichkeiten, mithilfe derer man Hunde effektiver ausbilden kann, aber Karen Pryor beschrieb ebenfalls, wie man seinen Chef dazu erziehen kann zuvorkommender und Kinder wohlerzogener zu sein, Katzen weniger destruktiv, Pferde zur Teamarbeit bringen und Schwiegermütter erträglicher – alles mithilfe des Einsatzes des zeitlich richtigen Einsatzes von positiver Verstärkung. Karen Pryor war nicht die Erfinderin der Grundsätze von operanter Konditionierung – das war der Verhaltensforscher B.F. Skinner – , aber sie war die erste, die seine Lerntheorien in eine verständliche Sprache übersetzte und andere dafür begeistern konnte.

Angefangen hatte ihre Karriere aus Versehen.
In den Sechzigern leitete ihr Mann Taylor „Tap“ Pryor den Sea Life Park auf Oahu, Hawaii. Er bat seine Frau, ihm bei einer Aufgabe zu helfen, die unerwartet kompliziert war: Delphine für die Shows zu trainieren. Der wissenschaftliche Berater des Parks hatte sich in den Kopf gesetzt, die Delphine nach B.F. Skinners damals brandneuer Methode zu trainieren.
„Das war auch eine gute Idee, nur wusste niemand, wie das ging“, erzählt Karen Pryor. „Wir hatten eine kleine, zwanzig-seitige Anleitung, die ein Student von Skinner geschrieben hatte. Theoretisch konnte das jeder lesen und anschließend Delfine ausbilden, aber die Anleitung war sehr wissenschaftlich, teilweise in mathematischen Formeln verfasst, und es war ja vollkommen neue Information, mit der bisher niemand Erfahrung hatte.“

Karen mit ihrer Tochter Gayle auf Hawaii

Karen mit ihrer Tochter Gayle auf Hawaii

Auch Karen Pryor wusste damals noch nichts über positive Verstärkung. „Ich glaube, ich wurde gefragt, weil ich meinen Hund, einen Weimaraner erfolgreich ausgebildet hatte, und ein Welsh-Pony, und meine drei Kinder. Das schien den Leuten bei Sea-Life als Erfahrung zu genügen. Wahrscheinlich spielte es auch eine Rolle, dass ich als Frau des Chefs ohne Bezahlung arbeiten würde.“

Karen Pryor und Delphin

Karen Pryor und eine ihrer Schülerinnen in den 60ern

Was sie in der Anleitung von Skinners Student las, veränderte ihr Leben.
„Es war erleuchtend“, sagt sie. „Ich verstand genau, an welchen Stellen ich mit meinen bisherigen Ausbildungsmethoden Fehler gemacht hatte, und konnte es kaum abwarten, mit dieser neuen Methode anzufangen. Obwohl ich mir Sorgen machte, ob es eine gute Idee wäre, für meinen Mann zu arbeiten – später stellte sich heraus, dass es das nicht war.“
Wegen des Wettbewerbs?
„Das auch. Aber vor allem, weil es einen in ein anderes Verhältnis bringt: Einer gibt Anweisungen, der andere soll folgen, weil er der Chef der Firma ist. Aber so funktioniert eine Ehe nicht. Das war sicherlich einer der Gründe, warum wir später geschieden wurden.“

Karen Pryor mit ihrer Tochter Gayle

Karen Pryor mit ihrer Tochter Gayle

Die nächsten neun Jahre lang trainierte sie die Trainer und Delfine im Sea Life Park – und nebenbei jedes andere Tier, das ihren Weg kreuzte. Sie probierte an Vögeln, Einsiedlerkrebsen, Preußen- und Tintenfischen aus, ob sie mit der Methode der positiven Verstärkung trainierbar wären. Es klappte.
Karen Pryor brachte einem Krebs bei, für Futter eine Glocke zu läuten. Fische ließ sie durch Ringe und Tunnel schwimmen. „Ich hatte meine Berufung gefunden – das merkt man dann, wenn einem nichts anderes mehr wichtiger ist. Ich habe seither nie mehr aufgehört, dieser Berufung zu folgen.“

1972 ließen sich die Pryors scheiden, und Karen verließ Sea Life Park. Sie schrieb ein Buch über ihre Arbeit, Lads Before the Wind, in dem sie ihre Erfahrungen mit Meeressäugern in Sea Life und im Ozean beschrieb. Schon in diesem Buch beschrieb sie, was sie über Training gelernt hatte und wie man daraus ableiten könne, wie man mithilfe dieser Methoden jedes Lebewesen positiv beeinflussen könnte: „Keine Würgehalsbänder mehr, kein Anschreiben von Kindern“, schrieb sie schon damals. Das Buch erschien 1975, wurde aber nur als eine Art Abenteuer-Geschichte gesehen.
Also schrieb sie Don’t Shoot the Dog! – ein Wendepunkt, denn dieses Buch klärte die Grundsätze von Verhalten von Tieren und ließ die Erziehung unterschiedlichster Tierarten nicht nur möglich, sondern einfach erscheinen. „Zunächst entdeckt mich das Tier als Quelle für Futter. Dadurch bekommt es ein ganz neues Interesse an mir. Das macht den Weg frei für eine respektvolle Kommunikation zwischen Mensch und Tier.“

Karen Pryors Methode änderte den gesamten Blick auf Tiertraining. Man weiß heute, dass eine Belohnung als Motivation das Lernen unendlich viel schneller macht, während Strafen und aversive Methoden, also solche, die beim Adressaten Angst oder Widerwillen hervorrufen, den Lernprozess bei Mensch und Tier verlangsamen.
Was auf andere Art mitunter Wochen, sogar Monate dauert, klappt bei Pryor außerdem durch den Einsatz eines kleinen Werkzeugs schneller, häufig sogar binnen Minuten: Ihr Clicker ist nichts anderes als ein Knackfrosch. Mit dem Geräusch des Clickers kann ein erwünschtes Verhalten präzise in dem Moment markiert werden, in dem es stattfindet – ganz anders als durch Wörter, die immer ein bisschen zu spät kommen und ein bisschen zu
lang sind. „In der Stimme des Trainers liegt außerdem immer noch eine Botschaft, immer noch etwas, was uns ablenkt. Der Click sagt nichts außer: RICHTIG! Genau das war der Moment, in dem du perfekt warst.“

Karen Pryor übt mit einem neuen Bekannten

Karen Pryor übt mit einem neuen Bekannten

Die Methode der positiven Verstärkung und der „operativen Konditonierung“ ist längst wissenschaftlich anerkannt. Überall auf der Welt arbeiten Neurowissenschaftler in ihren Labors mit Versuchstieren mit dem Clicker. Auch in den meisten Zoos wird der Clicker heutzutage eingesetzt, etwa um den Tieren beizubringen, sich an das Gitter ihres Geheges zu lehnen, damit sie z.B. ganz ohne Stress geimpft werden können. „In diesem Fall arbeitet man mit Tieren, die niemals zahm sein werden. Man arbeitet durch die Gitter, was den Menschen vor dem Tier und das Tier vor dem Menschen beschützt. Beide fühlen sich dadurch besser und können eine echte Kameradschaft und Respekt entwickeln. Obwohl der Eisbär einen, wäre man in seinem Gehege, wahrscheinlich sofort fressen würde, kann man trotzdem eine echte Verbindung zueinander aufbauen. Gleichzeitig lernt der Mensch, das Tier zu lesen, und das Tier lernt, dass diese Menschen eigentlich ganz interessant sind und ihm nichts Böses wollen.“

Talisman der modernen Hundwelt: Der Clicker

Talisman der modernen Hundwelt: Der Clicker

Noch immer lehnen konventionelle Trainer positive Bestärkung in Form von Futterbelohnungen häufig als „Bestechung“ ab. „Das Futter ist doch nur ein Symbol“, erklärt Pryor. „Ich muss mich doch irgendwie interessant machen, denn wieso soll ein Tier sonst auf den Menschen achten?“ Das Futter verleiht dem Marker- Signal, zum Beispiel dem Clicker-Geräusch oder der Trillerpfeife bei Delfinen, einen Wert. Aber erst der Marker verleiht der ganzen Verhaltenskette eine Bedeutung. „Wenn man nach einer ausgeführten Handlung nur Futter ohne Marker gibt, verknüpft das Tier die Belohnung noch nicht mit seinem Verhalten. Erst, wenn es das Gleiche Hunderte von Malen ausgeführt hat, sackt das Ganze ins Unterbewusstsein. Mit einem Marker sind häufig nur wenige Wiederholungen nötig, damit das Tier den Zusammenhang mit seinem Verhalten und der Belohnung verstanden und gespeichert hat.“
In konventionellen Trainings-Methoden konzentriert man sich gewöhnlich darauf, was das Tier nicht tun soll: Nicht bellen, nicht hochspringen, nicht jagen, nicht stehlen, nicht an der Leine ziehen. Beim Clickertraining geht es stattdessen allein darum, was das Tier tun soll – und niemals darum, was es nicht tun soll. Will heißen: Man bringt dem Hund nicht bei, den Menschen nicht anzuspringen, sondern, was er stattdessen tun soll, beispielsweise sich vor den Menschen hinsetzen zum Beispiel. So vermeidet man, den Hund für etwas zu bestrafen, was aus seiner Sicht ein völlig normales Verhalten ist. Eine Strafe wäre nur sinnvoll, wenn ein Tier sich absichtlich falsch benähme: So funktionieren Tiere aber nicht. Dementsprechend können Tiere Strafen auch nicht verstehen, sie verwirren sie nur und verlangsamen sofort den Lernprozess, weil der Teil des Gehirns, der für das Lernen zuständig ist, durch das unangenehme Gefühl (durch Anschreien, Ignorieren, Druck ausüben) sofort blockiert wird. Oder haben Sie jemals die Matheaufgabe, das Diktat, die Französischvokabeln besser bewältigt, wenn jemand sie angeschrien hat, warum Sie das noch immer nicht kapiert hätten?

Pryor bei einem Vortrag der ClickerExpo

Pryor während eines Vortrags auf der ClickerExpo

Bei der Erziehung mit positiver Verstärkung finden Strafen also nicht statt. Man kann nicht strafen für etwas, was der Hund nicht besser wissen kann. Man würde auch kein zweijähriges Kind dafür bestrafen, dass es die Tapete mit Lippenstift vollmalt, sondern lieber dafür sorgen, dass es in Zukunft keinen Lippenstift mehr findet. Es allerdings für diese Handlung zu strafen, würde nichts bewirken, weil ein zweijähriges Kind den Wert
von Tapete und den Zusammenhang von fettigem Lippenstift und Wandfarbe nicht versteht.
Bei manchen Klicker-Trainern findet man allerdings Ansätze, dass auch jedes „Nein“, jedes Abbruchsignal schon als aversive Methode oder gar Strafe betrachtet wird.
„Manche Leute übertreiben es ein bisschen mit positiver Verstärkung“, sagt Pryor. „Sie verstehen nicht, dass Warn- und Abbruch-Signale vollkommen legitim sind und Teil der normalen Kommunikation von sozialen Lebewesen. Auch Muttertiere ermahnen ihre Kinder und haben auch jedes Recht dazu, wenn es zuviel wird, oder wenn Gefahr droht mit einem ‚Hey, laß’ das!’ Man muss dem Tier also ein konditioniertes Warnsignal beibringen, das bedeutet: Lass das! Man muss aber auch verstehen, dass man einem Tier dadurch kein Verhalten beibringt. Man unterbricht nur etwas. Aber das ist manchmal ja auch genug.“

Das Konzept der positiven Verstärkung durchzuhalten, ist schwieriger für jene Menschen, die Tiere zuerst mit konventionellen Methoden ausgebildet haben, glaubt Pryor. „Wer das Werkzeug wie Timing, die richtige Reihenfolge im Kopf, eine Trainings-Struktur noch nicht beherrscht, neigt dazu, wieder auf Korrekturen zurückzugreifen, weil er das Arbeiten mit positiver Verstärkung noch nicht richtig macht. Wenn man dann auf Korrekturen zurückfällt, kooperiert das Tier nicht mehr, sondern wird schlicht fügsam. Ein Tier, das bestraft wird, hört auf, aktiv mitzumachen und freiwillig zu lernen. Es versucht nur noch, keinen Ärger zu bekommen. Das bringt den Lernprozess auf den Nullpunkt. Und das ist der Punkt, an dem Trainer sich gern beklagen, dass positive Verstärkung nicht effektiv sei oder viel zu lange dauert.“

Karen Pryor heute mit Misha, ihrem Harlekin-Pudel

Karen Pryor heute mit Misha, ihrem Harlekin-Pudel

In einer idealen Welt, sagt Karen Pryor, würden alle Menschen zuerst einmal einen Fisch oder ein Huhn trainieren, bevor sie sich mit Hunden beschäftigen. „Mit einem Fisch oder einem Huhn zu arbeiten, ist eine fantastische Geduldsübung, weil man Hühner nicht vermenschlicht. Man geht das Problem anders an: ‚Okay, das Huhn macht noch immer nicht das, was ich will. Nicht das Huhn hat ein Problem, sondern ich. Wo liegt mein Fehler? An welcher Stelle muss ich dem Huhn besser erklären, was ich von ihm will?“
Mit 81, drei Kindern und sieben Enkelkindern könnte sich Karen Pryor zurückziehen und auf dem Geleisteten ausruhen. Stattdessen hält sie Vorträge vor Wissenschaftlern, Behavioristen, Leistungssportlern und Ausbildern und leitet die Karen Pryor Academy, das Clickertrainingimperium, von wo aus weltweit Trainer ausgebildet und Seminare wie die ClickerExpo organisiert werden (www.clickertraining.com).
Dabei hat Karen Pryor ihre Prioritäten ein wenig verschoben. Sie beschäftigt sich mittlerweile stark mit positiver Verstärkung im menschlichen Bereich. „Die vergleichbare Arbeit mit Menschen hinkt dem Hundetraining gut zehn Jahre hinterher“, sagt sie. „Allerdings spricht es sich langsam herum.“ Beim TAGteach, benannt nach Englisch „Teaching with Acoustical Guidance“, also Lernen mit akustischer Hilfe, kann Pryor große Erfolge mit autistischen Kindern verzeichnen. „Man könnte so viel mehr bewirken und in Gefängnissen, in Laboren, in medizinischen Betrieben viel effizienter werden“, sagt sie entschlossen. „Unsere Schulsysteme sind voller eingebauter Unannehmlichkeiten für Kinder, ständig geht es um Bestrafungen, anstatt das Lernen positiv zu verstärken. Die Wissenschaft schenkt uns mittlerweile große Aufmerksamkeit. Es gibt noch so vieles, was ich tun möchte.“

Wunderbares Buch,etwas ungünstiger Titel auf deutsch (auf englisch heißt es: „Reaching the animal mind“ – also den Geist des Tieres erreichen):

Das allererste Buch von Karen Pryor:

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