Positive Erziehung

Foto: Debra Bardowicks
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Hundeerziehung hat sich sehr verändert in den letzten zehn Jahren. Ich selber gehe mit meinen Hunden heute anders um als mit den Hunden, die ich vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren hatte. Ein Unterschied ist: Ich habe mich vollkommen von „Strafen“ verabschiedet. Es ist nämlich so: Es nützt einfach überhaupt nichts. Eine „Bestrafung“ funktioniert nur,  wenn der Bestrafte nachvollziehen kann, warum er bestraft wird, also wenigstens ansatzweise unser Wertesystem begreift, um sich dann „zu bessern“. Das ist bei Hunden nicht der Fall. Sie machen nichts von dem, was sie tun, vorsätzlich, absichtlich oder gar, um uns „eins auszuwischen“. Ich kann kein zweijähriges Kind dafür bestrafen, dass es die Wand mit Lippenstift vollgemalt hat – d.h.: Ich kann es natürlich tun, viele Leute tun es ja andauernd – aber es bringt absolut nichts, außer dass das Kind verwirrt ist und sein Vertrauen in den Erwachsenen verliert. Wenn ich es in sein Zimmer sperre oder anschreie, bekommt es zwar Angst vor mir, hat aber keine Ahnung, worum es geht. Das Kind wusste es nicht besser – es kennt den Zusammenhang von Tapete und fettigem Lippenstift nicht. Es ist mein Fehler, wenn ich Lippenstift herumliegen lassen. Das Tapeten-Lippenstift-Beispiel ist in etwa vergleichbar mit dem Bestrafen von Anspringen: Der Hund springt an uns hoch, weil er seine Nase in unsere Mundwinkel stoßen möchte – so wie Hunde das untereinander machen, wenn sie sich wirklich gut kennen. Früher hat man Hunden derlei abgewöhnt, indem man sie erst aufforderte, einen anzuspringen, und eine zweite Person den Hund an der Leine mit Karacho zurückriß: Fürchterlich, wenn man sich das überlegt. Oder, indem man ihnen auf die Zehen der Hinterpfoten trat. Oder indem man ihnen das Knie in den Brustkorb stieß. Man brachte ihnen mit solchen Methoden in Wirklichkeit nicht bei, den Menschen nicht mehr anzuspringen, sondern dass man gefährlich lebt, wenn man sich freut.

Natürlich funktioniert eine Erziehung, die auf Bestrafung basiert. Kinder und Jugendliche in Militärkadern haben auf diese Art und Weise ja über Generationen auch zweifellos etwas gelernt. Aber sie haben nicht offen und fröhlich gelernt, sie haben nicht kooperiert und weiter gedacht, sondern alles daran gesetzt, möglichst keinen Ärger zu bekommen. Auch der Hund, der so erzogen wird,  arbeitet also nicht mit mir, weil er weiß, dass das lustig ist und und er davon Vorteile (wie Kekse oder Abenteuer) hat, sondern, um in Ruhe gelassen zu werden.

Es gibt Leute, die führen auch Unternehmen so. Mit Druck, Drohungen, Unfrieden und Grenzüberschreitungen. Ich persönlich arbeite besser mit Teamarbeitern zusammen, ich liebe es, wenn man Themen gemeinsam bearbeitet, sich gegenseitig zu Hochleistungen inspiriert. Ich finde es ganz leicht, anderer Leute Leitungen anzuerkennen und zu loben, und möchte auch meinerseits gelobt werden – wenn die Stimmung gut ist, macht man schließlich gerne weiter, oder nicht? Und so ähnlich möchte ich auch mit meinen Hunden arbeiten.

Die stärksten Beziehungen zwischen Hunden und Menschen basieren auf Kooperation, Freundlichkeit und Berechenbarkeit, nicht auf menschlicher Dominanz und hündischer Unterwerfung. Wenn Ihr Hund sich mit Ihnen wohlfühlt, wird er fröhlicher, selbstbewusster, braver und hat mehr Lust, auf Sie zu achten, wenn Sie ihn auffordern, etwas für Sie zu tun.

Trainer, die traditionell mit „Zwangausbildung“ arbeiten, argumentieren häufig, dass positives Training bei wirklich massiven Verhaltensproblemen nicht hilft. Wissenschaftliche Studien haben mittlerweile gezeigt, dass gerade bei extremer Aggression oder Angst das Gegenteil der Fall ist: Eine Erziehung, die auf Belohnung und Motivation, also positiver Verstärkung beruht ist deutlich effektiver und zeigt dauerhaftere Resultate, als eine Erziehung, die auf Zwangsmaßnahmen beruht.

Eine Erziehung, die auf „Bestrafung“  basiert, konzentriert sich hauptsächlich darauf, was der Hund nicht tun soll, und nicht darauf, was der Hund stattdessen tun soll. Ich möchte auch nicht, dass Hunde an mir oder jemand anderem hochspringen – aber mit dem Anspringen beschäftige ich mich gar nicht. Ich umgehe das Problem, indem ich meinen Hunden beibringe, sich für ALLES, was sie sich wünschen oder haben wollen, hinzusetzen. Wenn sie sich also freuen, setzen sie sich hin. Anstatt einem Kind die Eistüte aus der Hand zu reißen, setzen sie sich davor. „Das nennt man dann Betteln“, sagte neulich jemand, der seine Hunde mit viel mehr Stimme und Körpereinsatz erzieht. Mag sein. Aber mit Betteln wirft man immerhin niemanden um und macht ihn auch nicht schmutzig: Und darum geht es doch. Meine Hunde springen niemanden an, obwohl ich  sie nie dafür angeschnauzt oder mich überhaupt über das Anspring-Thema gekümmert hätte.

Mein Windspiel Harry findet nichts schöner, als Fahrräder zu jagen, und er ist darin wirklich gut. Er rast hinter den Rädern her (man kann die Endorphine förmlich sehen!) und umkreist sie glücklich bellend, wenn er sie überholt hat. Er will Fahrräder dabei gar nicht umbringen, sondern überholen: Den meisten Fahrradfahrern ist das egal, sie bemerken nur eine kreischende Fledermaus, die direkt aus der Hölle zu kommen scheint, und sie höchstwahrscheinlich zu Fall bringen wird, in die Speichen gerät oder – wer ahnt das schon? – seine Zähne in die Radfahrer-Wade hackt. Wenn ich hinter Harry her brülle, hört er mich wahrscheinlich gar nicht (ich glaube, Endorphine haben direkte Auswirkungen auf das Hörvermögen), oder wenn doch, missversteht er mein Gebrüll als Anfeuern. Ich kann ihn nicht anschnauzen, wenn er zurückkommt – von einem Ohr bis zum anderen glücklich grinsend, unglaublich stolz auf sich selbst, und brav wieder bei mir. Eine Schleppleine hindert ihn zwar daran, die Fahrräder zu verfolgen, bringt ihm aber nichts bei: Ohne Schleppleine rast er sofort wieder hinterher.

Also habe ich ihm beigebracht, beim Anblick von Fahrrädern sofort hinter mir zu gehen. Er hat noch nie versucht, aus dieser Position heraus zu jagen. Mittlerweile haben wir dieses Verhalten so ritualisiert, dass er sich schon von ganz alleine hinter mir einordnet, sobald er Fahrräder sieht. Kein Geschrei, keine Strafen, ein entspannter Hund (und entspannte Fahrradfahrer, dadurch auch ich total entspannt). Alles gut.

Man nennt das auch „Positives Training“.

 

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11 Kommentare

  1. Ruoss Melanie

    Liebe Frau von der Leyen

    Sie haben’s mal wieder auf den Punkt gebracht und anschaulich und nachvollziehbar geschildert, warum non-aversives Training so wichtig und sinnvoll ist.

    Ich habe den Artikel gleich auf Facebook geteilt für alle meine Hundefreunde, Hundtraining, Hundeverhaltensberater und solche, die sich einfach für Hundethemen interessieren.

    Danke für diesen Beitrag und liebe Grüsse, Melanie Ruoss

  2. Danke für den fantastischen Beitrag! Ganz wundervoll zusammengefasst und es ist so unglaublich hilfreich, dass Sie mit so einem Forum dieses Thema ansprechen. Habe mich ja auch gefreut, dass letztens “CumCane” in der Dogs erwähnt war. Es scheint sich wirklich was zu dem Thema zu tun. 🙂

    Herzliche Grüße
    Rebecca

  3. Ich frage mich, WARUM Harry sich hinter Ihnen einordnet.
    Bekommt er dafür eine supertolle Belohnung, die noch besser ist, als Fahrräder zu jagen?
    Die kann es doch eigentlich nicht geben, wenn Fahrräder bereits der Jackpot sind.
    Wie funktioniert das?

    • Liebe Andrea, ah, guter Punkt. Meine Hunde haben gelernt, sich auf das Wort “Hinter mir!” in der Nähe meiner Kniekehlen einzuordnen. Das ist eine fabelhafte Methode, um meine Hunde aus dem “Ich lauf’ schon mal vor!”-Modus herauszuholen, wenn hier viel Wild unterwegs ist und ich merke, dass die Aufmerksamkeit gerade auf alles andere gerichtet ist, nur nicht auf mich. In dem Augenblick in dem meine Hunde “hinter mir!” gehen, geben sie ihre Aufmerksamkeit sozusagen ab und lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes führen (so macht das übrigens auch der Schlittenhundführer Tom Andres ( http://www.lumpi4.de/die-andere-art-schlittenhunde-zu-fuehren/ ) , was am Ende des Artikels in einem sehr wackeligen kleinen Film zu sehen ist.
      Man baut das in sehr kleinen Schritten auf. Man setzt den Hund hinter sich, geht einen einzigen Schritt, dreht sich um, klickt und gibt dem Hund einen Keks. Dann zwei Schritte, Klick und Keks. Dann drei. Immer alles gaaaanz langsam, ohne Tempo, damit absolute Entspannung vorherrscht. Wenn der Hund versucht, sich an einem vorbeizudrängen, “schiebt” man ihn gestisch (nur als Geste, ohne Körperkontakt) mit offenen Handflächen wieder nach hinten.
      Ich versuche am Wochenende, mal mit jemandem zusammen zu fotografieren oder zu filmen, wie ich das Kommando aufbaue (sogar Pixel kann das schon), damit Sie das erkennen können. Es ist mein Ersatz für “Bei Fuß” – ich kann damit nichts anfangen, weil ich meine Hunde nicht neben mir, sondern eben lieber hinter mir (in Sicherheit) haben möchte. Dann drängen sie sich auch nicht an mir vorbei, wenn en fremder Hund kommt, der vielleicht Angst vor meiner Gruppe hat, oder der nicht ganz ok ist, oder Kindergartenkinder von Weitem auf uns zu kommen. Sieht schön ordentlich aus, Jogger haben sofort das Gefühl, man hat seine Hunde einigermaßen im Griff, alle sind entspannt, und die Hunde sowieso, weil ich ja immer zwischen ihnen und der Aufregung oder gar der Gefahr stehe (so mache ich das übrigens auch an der Haustür: Meine Hunde bleiben hinter mir, ich stehe zwischen Besuch, Postboten, Paketboten, Nachbarn oder wer auch immer geklingelt hat, und meinen Hunden. Deshalb bellt auch keiner, wenn ein Fremder kommt.)
      Momentan liege ich mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit und Fieber im Bett, das mir merkwürdig klein vorkommt, weil vier Hunde es für eine lebensrettende Maßnahme halten, meine Körpertemperatur trotz 38,7 Grad möglichst noch höher zu treiben, indem sie sich ganz, ganz eng an mich legen. Eine Art lebende Felldecke mit eingebauten Wärmflaschen. Wahrscheinlich das hündische Äquivalent von heißem Whisky mit Zitrone.

      • Ja, ich verstehe.
        Jetzt sind Struktur und Ablauf für mich wirklich klar geworden.
        Vielen, vielen Dank für die ausführliche Antwort.
        Und gute Besserung!

      • Ich versuche am Wochenende, mal mit jemandem zusammen zu fotografieren oder zu filmen, wie ich das Kommando aufbaue (sogar Pixel kann das schon), damit Sie das erkennen können. Es ist mein Ersatz für “Bei Fuß” – ich kann damit nichts anfangen, weil ich meine Hunde nicht neben mir, sondern eben lieber hinter mir (in Sicherheit) haben möchte.

        Hallo Katharina,
        ich kenne Ihre Seite erst seit kurzem und finde Ihre Beiträge sehr gut und amüsant zu lesen. Ist der Aufbau dieser Übung hier zu finden?
        Vielen Dank. Yvonne

        • Nein, mich übermannte die Grippe damals so komplett, dass ich es vergessen habe. Momentan bin ich auf Reisen, aber ich verspreche, dass ich die Übung nächste Woche aufschreibe. Wenn nix passiert, wäre es wunderbar, wenn Sie mich noch einmal erinnern würden – ich mache momentan sechs Projekte gleichzeitig, und mein Hirn hat etwa die Aufnahmekapazität einer Ameise…

  4. Wirklich sehr richtig, da kann ich dir nur zustimmen. Ich finde aber immer wieder Fälle wo es ganz anders (falsch) gemacht wird.

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