Ganz entspannt im tier und jetzt

bildvom 23.5.2010
Ich habe jetzt endlich herausgefunden, woran es liegt, wenn Hunde nicht gehorchen, wenn man sie ruft. Sie kennen doch auch diesen Satz, Hunde würden so beneidenswert „im Hier und Jetzt” leben? Was das bedeutet, ist folgendes: Wenn Fritz eine Fährte hat, ist er „hier und jetzt” auf dieser Fährte, und sonst nix. Ob ich ihn rufe, ob ich Purzelbäume schlage oder mir die Haare raufe: Es stört ihn nicht. Hier und jetzt hat er eine Spur in der Nase, und die gilt es zu verfolgen. Anschließend kommt er dann ja auch wieder. Luise und Ida sind nicht ganz so fokussiert: Sie lassen sich durchaus abrufen, wenn ich sie im richtigen Moment anspreche. Ich glaube, das liegt daran, dass sie Hündinnen sind, und Frauen sind grundsätzlich besser im Multitasking: Die bekommen „Spur verfolgen UND Ohren auf” offenbar besser hin. Und schließlich ist Multitasking das große Credo unserer Zeit: Wir haben doch alle das Gefühl, unsere Zeit zu vergeuden, wenn wir nicht mindestens zwei Sachen gleichzeitig machen – telefonieren und Emails schreiben. Kolumne schreiben, während nebenbei in der ARD-Mediathek die verpasste Folge des letzten „Tatort” läuft, auf Facebook Freunde sortieren und Spiegel-Online lesen. Lesen und Sport machen. Neulich habe ich ein Zitat von der Schauspielerin Jennifer Connelly gelesen, die behauptete, „Beim Sex lese ich gerne ein Buch. Und telefoniere. Es ist erstaunlich, wie viel man währenddessen erledigen kann.”
Für mich wäre das nichts. Aber grundsätzlich fühle ich mich beim Jonglieren verschiedener Aufgaben pudelwohl. Ich komme mir ungeheuer effizient vor, als würde ich extrem viel schaffen und könne die Zeit, die mir bleibt, optimal nutzen. Sich über längere Zeit nur mit einer Sache befassen? Pah! Ungefähr so antiquiert wie Schnupftabaksdosen.
Eine Freundin schickte mir neulich einen Artikel aus Spiegel Online, nachdem ich beim Telefonieren mit ihr eine völlig absurde Überweisung ans Finanzamt leistete. In dem Artikel stand, dass das Phänomen Multitasking ein großer Irrtum ist, von dem man sich schleunigst verabschieden sollte. Wir erliegen der Illusion von Effizienz, doch wie schon meine Mutter richtig erkannt hat, verlangsamt sich dadurch in Wirklichkeit unser Denken: Der Mensch ist gar nicht in der Lage, erfolgreich mehrere Dinge auf einmal zu tun. Neurowissenschaftler und Psychologen haben herausgefunden, dass unser Hirn der Doppelbelastung gar nicht gewachsen ist und sich immer nur mit einem Problem befassen kann. Wir mögen zwar glauben, dass wir mehrere Dinge gleichzeitig erledigen, doch in Wirklichkeit springen wir zwischen den Aufgaben hin und her. Wir springen zwischen Emails, Telefonieren und Facebook-angucken hin und her, und bei jedem Umschalten verlieren wir ein paar Nanosekunden, denn die Neuronen brauchen nun mal Zeit, um auf Touren zu kommen. In USA hat man errechnet, dass Multitasking einen wirtschaftlichen Schaden von 650 Milliarden Dollar pro Jahr verursacht.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber das kann ich mir nicht leisten. Was man mit 650 Milliarden Dollar alles machen könnte! Und selbst, wenn es in meinem Leben nur um einen Bruchteil davon geht: Ich gelobe, mir ein Beispiel an meinen Hunden zu nehmen und meine Aufmerksamkeitsspanne wieder auf Vordermann zu bringen, die momentan allenfalls mit einer Atomuhr gemessen werden kann. Mein Gebot der Stunde heißt Monotasking. Ich werde mich jeder Aufgabe, die sich mir stellt, länger als die üblichen 30 Sekunden stellen.
Wundern Sie sich also nicht, wenn ich in Zukunft etwas schlechter gehorche.

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