Hundegespräche

relax-808x500Bevor man einen eigenen Hund hat, kann man sich nicht vorstellen, wie breit er sich in unserem Leben machen wird. Früher oder später bestimmen Hunde alles – wann wir das Haus verlassen, wann wir aufstehen und wann wir schlafen gehen, wie lange wir ausgehen, wo wir in die Ferien fahren und wie wir unser Wohnzimmer einrichten. Ich selber habe jahrelang Hunde in den vierten Stock getragen – weil sie zu jung waren, um Treppen zu gehen, später, weil sie zu alt dafür waren.

Vor allem bestimmen sie unsere Unterhaltungen. Und zwar vollständig.

Der Anfang ist harmlos. Als Hunde-Veteran lächelt man geduldig über die Novizen, die gerade ihren ersten Hund bekommen haben. Alles, was der Hund tut, ist ein Ereignis: Er schläft! Er wacht auf! Er geht aufs Klo! So rührend diese unglaubliche Freude auch ist, so abgeklärt sind die anderen, die diese Prozesse bereits durchlebt haben. Jaja, denkt man sich und lächelt milde, damals. Die Neulinge sind noch nicht in der echten Hundewelt angekommen, sie stehen erst an ihrer Schwelle.

Habe ich mich früher über Mütter lustig gemacht, die auf Spielplätzen über nichts anderes redeten als Windelgrößen, Stillen, durchwachte Nächte und Wutanfälle von Zweijährigen, beneide ich sie heutzutage beinahe. Eltern von echten Kindern sind Anfänger im Vergleich zu Hundeleuten.

Mit Hund spricht man morgens zwangsläufig mit anderen Hundeleuten im Park, in Wald und auf Wiesen. Hundeleute sind die, die auf der ganzen Welt, in jeder Stadt und vielen Dörfern in kleinen Gruppen morgens zwischen sieben und halb neun zusammen kommen, um ihren Hunden bei Verfolgungsjagden und Ringkämpfen zusehen, bis die Hunde aufgrund akuter Erschöpfung kollabieren, um anschließend möglichst viele, viele Stunden zu schlafen (anstatt zum Beispiel sorgfältig alle erreichbaren Kabel zu zerkauen). Hundeleute fühlen sich einander sehr nah, auch wenn keiner den Namen des anderen kennt. Wir sind „Pixels Frauchen“, „Bosses Herrchen“ oder „Wilmas Eltern“. Tatsache ist, dass wir keinerlei Scheu haben, miteinander Themen zu besprechen, die man – ginge es nicht um Hunde – nicht einmal im engsten Familienkreis austauschen würde. Mit völliger Unverkrampftheit unterhält man sich über verstopfte Analdrüsen, Kryptorchismus, Durchfall und Vorhautkatarrh. Und das vor dem Frühstück.

Früher einmal gab es in meinem Leben Gespräche über Kunst und Musik, über Literatur, Theater und Film. Ich redete gerne über diese Dinge, erfuhr gerne mehr darüber. Inzwischen klingt das alles für mich wie ein Echo aus einer anderen Welt.

Natürlich würden wir, eine zufällige Zusammenwürfelung von Fremden, kein Wort miteinander wechseln, wären unsere Hunde nicht. Treffen wir uns zufällig ohne Hund, haben wir Schwierigkeiten, den anderen zuzuordnen, geschweige denn, einander anzusprechen. Wie denn auch? „Hallo, Kiras Mama?“ klingt so unbeholfen. Als drehe sich die Bekanntschaft allein um Hunde.

Wenn unsere Hunde sich gut verstehen, sind wir aneinander gebunden, in guten, wie in schlechten Zeiten. Man dreht Runde um Runde in Park, Feld, Wald und Wiesen gemeinsam, während die Hunde sich amüsieren wie Bolle. Wehe dem, dessen Hund sich gut versteht mit dem Vierbeiner einer menschlichen Dumpfbacke: Ein Morgenspaziergang dauert mindestens 45 Minuten, sechs Tage die Woche. Das ist viel Zeit, um sich mit jemandem zu unterhalten. Das ist mehr Zeit, als man normalerweise in einer intensiven Psychoanalyse verbringt. Mehr Zeit, als die meisten Leute mit ihren Lebenspartnern sprechen. Meideverhalten ist keine Lösung, wenn die Hunde sich doch so gut verstehen.

Manchmal fühlt man sich wie in einer schal gewordenen Beziehung: Man bleibt nur der Hunde wegen zusammen. Der einzige Grund, sich zu trennen, wäre eine grundsätzlich unterschiedliche Einstellung zu sehr wichtigen Dingen. Wie bitte? Sie trainieren bei dem? Das ist tierschutzrelevant! Sie füttern was? Wissen Sie denn nicht, dass Dosenfutter/Getreide/Trockenfutter/Geflügel/Erbsen/rohe Knochen/gekochte Knochen Hunde umbringen können? Ihr Hund kommt nicht aus dem Tierschutz? Sie verwenden ein Halsband und kein Geschirr? Und seine Trachea? Seine Wirbelsäule? Seine Schilddrüse? Sie wollen nach diesem keinen Hund mehr, sondern lieber einen Fisch? – Solche Themen können umgehend zu Beziehungsabbrüchen führen, schneller, als ein Hund blinzeln kann.

Wir müssen regelmäßig nach draußen. Auch mithilfe aller modernen Technologien ist es bisher niemandem gelungen, den Hundespaziergang zu modernisieren. Trotz Flexileinen, Leuchthalsbändern und Hundegummistiefeln sind Hundespaziergänge immer noch eine ganz traditionelle, simple Beschäftigung: Der Mensch kümmert sich um sein Haustier, das ihm lieb und teuer ist. Eigentlich müssen es nette Leute sein

Die Tatsache, dass sie regelmäßig schmutzige Füße haben und sich gemächlich vorwärtsbewegen, macht Hundespaziergänger zu besseren Beobachtern. Hund und Mensch machen gemeinsam viele Entdeckungen, die anderen Leuten verborgen bleiben.

Vielleicht reden Hundeleute so viel über ihre Hunde, weil sie sich nicht mit ihnen unterhalten können?

„Jede Kreatur ist ein Wort Gottes“, sagte der spätmittelalterliche Theologe und Philosoph Meister Eckhart. Wenn man Hunden genau zuhört, erfährt man von Ihnen die Geheimnisse des Universums. Von Hundeleuten meist eher nicht so.

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