Sind Hundeleute anders?

bildvom 11.7.2010

Hundeleute sind die Leute, die sich im Morgengrauen deutschlandweit in Parks und auf Wiesen treffen, um mit eingespeichelten Bällen und Stöcken zu werfen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich Hundeleute nicht zu meinem sozialen Umfeld gezählt, weil sieben Uhr morgens nicht zu meinem favorisierten gesellschaftlichen Moment gehörte – aber da hatte ich auch noch keinen großen schwarzen Pudel, der den Austausch mit anderen Hunden sucht, und ein wildes Italienisches Windspiel namens Fritz, der seine Tobestunden mit anderen Vierbeinern braucht – entweder eine Dreiviertelstunde mit den Hundeleuten oder Ritalin für einen von uns.
Ich fühle mich den Hundeleuten sehr nah, obwohl ich von keinem von ihnen den Namen weiß. Wir pflegen eine informelle Intimität, obwohl wir einander nur bei den Namen unserer Hunde kennen. Unsere Identität reduziert sich auf „Filous Frauchen”, „die Besitzer von Paul”, oder „Lisas Herrchen”. Wir haben alle die gleiche Mission: Unsere Hunde per Spiel und Spaß körperlich zu ertüchtigen, bis sie erschöpft zusammenbrechen und die nächsten paar Stunden zuhause fest schlafen (oder, wie in Fritz’ Fall, wenigstens ein wenig ruhen), anstatt sich mit dem Zerkauen unserer Schuhe oder anderer teurer Accessoires zu amüsieren.
Hundeleute verschwenden keine Zeit mit Smalltalk, sondern kommen direkt auf den Punkt.
„Mirabelle hat ja wieder Durchfall”, sagt Frannies Frauchen.
„Ja, sie frisst schon seit Tagen ganz viel Gras”, erklärt Mirabelles Frauchen.
„Hast du es mal mit geriebenem Apfel versucht?” fragt Louis’ Herrchen.
„Emma hat letzte Woche einen Waschlappen heruntergeschluckt”, erzählt ihr Frauchen. „Der kam zwei Tage später im Ganzen wieder heraus.”
Mit jeder Unterhaltung über Lisas Allergie gegen Rindfleisch oder Filous Leidenschaft für Grillabfall fühlt man sich einander ein bisschen näher, ein bisschen weniger als Außenseiter in dieser kalten, fremden Welt. Wo sonst hätte ich erfahren, wo man spottbillige Kackbeutel aus recyceltem Plastik bestellen kann? Uns Hundeleuten geht es um gegenseitige Unterstützung und Aufrichtigkeit. Neben uns wirken die Eltern von Menschenkindern wie Anfänger.
Manchmal dauert es eine Weile, bis man die passende Clique gefunden hat. Allein in meinem Kiez gibt es drei völlig unterschiedliche Hunde-Szenen. Im Park scheinen die meisten Hunde Abitur zu haben. Als mein brauner Pudel Ida sich weigerte, einem dekorierten Rhodesian Ridgeback ihren Ball zu überlassen, fragte mich sein Frauchen – ich schwöre auf einem Stapel Alsa-Hundekataloge -, ob Ida „Probleme mit Rassen-Diversität” habe.
In dem kleinen Park hinter einer Konzerthalle dagegen verkehrt eine ganz andere Sorte -die Hunde stammen ursprünglich ausnahmslos aus schlechten Verhältnissen , und das Reinrassigste, was ich dort getroffen habe, war ein Pitbull, den sein Frauchen gefunden hatte.
Alle Hundeleute eint dabei die Furcht vor dem Ordnungsamt, das alle Leute mit hohen Geldstrafen belegt, die ihre Hunde ohne Leine laufen lassen oder keine Hundemarke dabei haben. Sie sind „die Bösen”, die die Strafe willkürlich erhöhen, wenn sie vermuten, die Hundebesitzer hätten „vorsätzlich” gehandelt.
So kam es, dass ich in eine weitere Hunde-Clique stolperte, auf einem verlassenen Golfplatz, der nicht als Grünfläche gilt, wo man vor „den Bösen” unbehelligt mit seinen Hunden spazieren gehen kann. Wir sind eine zusammengewürfelte Gruppe, Buddys Frauchen, Max’ Herrchen, und Baylas Besitzer. Gestern kam noch eine Neue dazu, Leons Frauchen, die neu in der Gegend ist. Erstaunlich, wie gut ich sie in den 40 Minuten kennen gelernt habe, die wir zusammen Bälle warfen und Hundehaufen aufsammelten. Leon hat Ohrmilben, Angst vor Rollkoffern und schläft am liebsten auf den kühlen Kacheln im Bad. Mal sehen, ob sie bald ein fester Teil unserer Clique wird: Schließlich sind wir Hundeleute, jeder ist uns willkommen.
Alle außer den Bösen.

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