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Mythos Welpenschutz

bild vom 17.3.2013

Zu den großen Mißverständnissen des Hundelebens gehört die Legende vom „Welpenschutz”. Danach darf sich das niedliche, tapsige kleine Hundekind bei erwachsenen Hunden alles erlauben, und wenn der erwachsene Hund ihm eine schmiert, ist nicht nur das Geschrei der Welpens groß, sondern das Entsetzen der begleitenden Menschen: Der erwachsene Hund, so das nicht revidierbare Urteil, muss böse sein und psychisch gestört – und seine Besitzer noch dazu, denn „wie der Herr, so’s G’scherr”, das weiß ja jedes Kind.
Tatsache ist: Einen generellen Welpenschutz gibt es unter Hunden und Wölfen nicht. Kein Welpe bekommt eine „Carte Blanche” oder Narrenfreiheit, nur weil er klein und süß ist. Es stimmt schon, dass viele ältere Hunde gegenüber den Welpen ihres Rudels sehr geduldig sind und sich viel gefallen lassen (das ist vergleichbar mit Eltern, die ihre eigenen Kinder auch vorbehaltlos hinreißend finden, wenn aber fremde Kinder wie die eigenen im Restaurant quiekend über Tisch und Bänke springen, sind sie genau so genervt, wie sonst immer alle von ihren). Trotzdem wird dieser Welpe klar gezeigt bekommen, wo die Grenzen liegen: Denn nur, wenn ein Welpe im sozialen Kontakt lernt, wo bei anderen Hunden die Grenzen sind, können sie auch einen höflichen Umgang mit anderen Hunden lernen. Ein Welpe, der gelernt hat, dass man einem erwachsenen Hund nicht einfach ins Gesicht springt oder ihm an den Ohren zieht, wird auch keine unfreundlichen Reaktionen auslösen.
Erwachsene Wölfe sind fremden Welpen gegenüber übrigens kein bisschen nett: Weil die Futtermittel in freier Wildbahn ständig begrenzt sind, werden fremde Welpen immer als Versorgungs-Konkurrenz betrachtet, die die eigenen Nachkommen bedroht. Dass Hunde im Großen und Ganzen so unglaublich tolerant und freundlich zu fremden Welpen sind, ist ein Hinweis auf ihre unglaubliche Anpassung an die menschliche Umwelt über Jahrtausende hinweg. Trotzdem kann es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen erwachsenen Hunden und Welpen kommen, weil der Welpe zu frech ist, oder dieser individuelle erwachsene Hund mit jungen Hunden eben nichts anfangen kann. Das ist normal und kommt immer wieder vor: Ich kenne auch eine ganze Reihe Männer, die mit Babies überhaupt nichts anfangen können und für Kinder erst geeignet sind, wenn die zehn, zwölf Jahre alt sind und sie mit ihnen ins Technik-Museum gehen können. Die betrachten wir ja auch nicht als verhaltensgestört.
Es ist Ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der erwachsene Hund beim Treffen auf einen Welpen eine Möglichkeit zum Rückzug hat. Abgesehen davon, dass ein bisschen „Einnorden” auch wichtig ist für die Sozialisierung des Welpen: Es sind eben nicht alle Fremden nett. Man muss eben erst einmal höflich Guten Tag sagen und dann gucken, ob der andere mitspielen will – und nicht ihm gleich einen Ball ins Gesicht werfen.

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