Wahre Liebe

erschienen in: dogs_klein3/2009
Menschen, die keine Hunde haben und sich auch nie einen wünschten, sind meist der Überzeugung, dass ein Hund im Haus ein Garant für Haare in der Suppe und Matschpfoten
auf dem Sofa ist. Wenn man mehr als zwei Hunde hat, rechnen hundelose Fremde damit, dass man völlig verslumt lebt und außerdem unglaubliche Beziehungsprobleme hat. „So findest du ja nie einen Mann/eine Frau”, bekommt man immer wieder zu hören.
Tatsächlich habe ich ganz im Gegenteil im Nachtleben nie so viele gut gelaunte Männer getroffen, wie wenn ich morgens sehr früh in Nachthemd, Anorak und Gummistiefeln mit einem jungen, aus sehr viel Flüssigkeit bestehenden Hund auf der Straße stand und ihm das Mantra „Los jetzt, pieseln!” vorbetete.
Einmal stand ich todmüde auf der Straße und sah aus wie ein ungemachtes Bett, nachdem ich zum achtundvierzigsten Mal innerhalb von fünf Stunden mit einem meiner Hunde auf der Straße stand, der offenbar Magengrimmen verspürte. Ich hatte meinen alten Mops Theo zur Begleitung mitgenommen, in der Hoffnung, er würde sich entleeren, um anschließend für mich vielleicht doch noch ein paar Stunden Schlaf herauszuschinden. Theo, empört über die frühe Störung und noch nicht ganz wach, hob unvermittelt sein Bein und achtete nicht darauf, wogegen: Es war ein Männerbein.
„O Gott, es tut mir so leid, bitte seien Sie nicht böse!”, schrie ich.
Der Mann lachte.
„Ich bin nicht böse”, sagte er. „Nur ein bisschen angepisst.”
Kann man sich etwas Romantischeres vorstellen?

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Die Art und Weise, wie unsereins mit Hunden umgeht, ist doch gerade ein Hinweis darauf, wie ungeheuer beziehungsfähig man ist: Hundebesitzer wissen eine Menge darüber, warum sie machen, was sie tun, weil sie das alles aus Hundebüchern gelernt haben. Wir wissen alles über dominantes und unterwürfiges Verhalten, Gruppenpsychologie, Augenkontakt und Beschwichtigungsgesten, Territoriumsgehabe oder sexuelles Besitzverhalten. Überlegen Sie mal, wie viele Jahre an Partnertherapie Sie da sparen.
Gerade für den fortgeschrittenen Umgang mit Männern ist das Zusammenleben mit Haustieren nämlich sogar ein fabelhaftes Training. Manche Frauen sind so erschöpft davon, sich seit tausenden von Jahren zu fragen, was mit Männern eigentlich los ist, dass sie Tisch und Bett lieber mit Haustieren teilen. Natürlich lässt sich ein schnarchender Mops leichter aus dem Schlafzimmer tragen als ein Mann mit gleichen Problem -aber man sollte diese ganze Liebe und Aufmerksamkeit doch wenigstens ab und zu an jemanden verschwenden, der schon stubenrein ist.

Mit Hunden lernt man, Kompromisse einzugehen und die eigenen Bedürfnisse ab und zu zurückzustellen. Wer einmal im Monat 15-Kilo-Säcke mit Trockenfutter
in den dritten Stock schleppt, der jongliert auch Bierkästen mit einem Lächeln auf den Lippen, und wer je versucht hat, über Jahre einem Jagdhund gerecht zu werden, den
erfüllt es mit tiefer Dankbarkeit, wenn der Mann samstagnachmittags nichts anderes will als Fußball gucken.
Hunde bringen uns bei, dass auch das vollste Verständnis nur bis zu einem gewissen Punkt geht – bis man beispielsweise nach Hause kommt und feststellt, dass der sensible, intelligente Hund, den man normalerweise für sein besseres Ich hält, den Inhalt des gesamten Mülleimers im ganzen Haus verteilt und die Thunfischdose auf dem neu bezogenen Sofa untersucht hat.

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Hundebesitzer sind meist körperlich fit und haben einen strahlenden Teint, weil sie so viel an der Luft sind. Sie sind gewöhnlich nicht zimperlich, was ein bisschen Sand an den Schuhen in der Wohnung betrifft, oder Haare in der Badewanne. Dafür verstehen sie keinen Spaß, wenn es um Fertignahrung geht. Obwohl – für Menschen mag das ganz ok sein.
Kluge Menschen suchen sich also ganz gezielt Hundebesitzer fürs Leben. Deshalb gibt es auch Hundeflirt-Kontaktbörsen wie www.date-my-dog.eu.
Aber selbst im täglichen Leben leisten Hunde permanent Kontaktarbeit, ob man will oder nicht. Man muss nicht einmal ein gewinnendes Lächeln und seinen entwaffnenden Charme einsetzen, um sich interessant zu machen: Es reicht schon, einen gepflegten, wohlgeformten und hübschen Hund dabei zu haben. Laut einer Studie wird der Hund nämlich als das Alter Ego des Besitzers gesehen. Ein bewunderndes „Ihr Hund gehorcht aber gut!” öffnet einem sicherlich schneller das Herz des Gegenübers als ein abgelatschtes: „Haben wir uns nicht schon einmal irgendwo gesehen?” Wenn einem jemand mit Sprüchen kommt wie:„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen an den Tisch setze? Dann kann ich Ihren Hund besser kraulen”, oder „Wenn mein Hund Ihnen nach Hause folgen würde, würden Sie ihn und mich dann behalten?” (selbst erlebt!) kann man ja nicht anders, als dem anderen von vorneherein schon einmal Schlagfertigkeit zu unterstellen. Und das ist nicht die schlechteste Voraussetzung. Und übrigens etwas, was er unseren Hunden voraus hat: Egal wie treu, komisch, vergnügt und liebevoll sie sein mögen – mit Esprit und Wortwitz können sie nun einmal nicht aufwarten.
Dabei müssen diejenigen, die sich mit Hundebesitzern einlassen, auch Einiges in Kauf nehmen: Privatsphäre können sie getrost vergessen. Gerade wenn es drauf ankommt sind Hunde echte Stimmungsmörder. Sie können zwar nicht laut sagen: „Was macht der fremde Mann/die fremde Frau in unserem Bett?” – aber ihr Blick spricht mehr als tausend Worte. Hundebesitzer haben nicht selten ein echtes Problem mit Nähe – schon weil zwischen ihnen und ihrer „besseren Hälfte” (und wir meinen jetzt mal kurz den menschlichen Lebenspartner) immer ein hinreißende Hündchen auf dem Sofa sitzt oder im Bett schläft. Wer mit einem Hundefreund zusammen ist, muss damit rechnen, viele Sonntage beim Agility oder im Wald zu verbringen, damit der Hund mal ausgiebig an die Luft kommt – vertrödelte Wochenenden mit einem Roman auf dem Sofa kann man sich aus dem Kopf schlagen. Ausschlafen? Pah! Spätestens um halb zehn will Fifi in den Park. Hundefreunde geben häufig ein Vermögen für Schuhe aus – und zwar nicht, weil sie einen Schuhtick, sondern weil sie einen jungen Hund haben, der immer wieder hartnäckig beispielsweise Halbschuhe zu Sandalen umgestaltet. Wenn es darum geht, die Ferien zu planen, fährt man mit Hundefreunden eher selten in die Karibik oder an romantische englische Felsenküsten, sondern endet häufig an „hundefreundlichen” Stränden an der Ostsee oder in Dänemark: Viel schöner für den Hund. Möglichst noch im Wohnmobil, denn es gibt ja Hotels, die von Hunden nicht so angetan sind. Aber egal – mit einem Wohnwagen ist man ja auch viel unabhängiger.
Der Witz ist: Anfangs versuchen die hundelosen Lebenspartner vielleicht noch, sich von dem haarigen Nebenbuhler zu distanzieren: Irgendwann knicken sie ein und outen sich als Hundefanatiker, manchmal schlimmer, als man selbst. Und wissen Sie was: Sie würden es gar nicht anders wollen.

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