Winterfütterung

bildvom 12.12.2010
Mit Einbruch des Winters ist der naturfreundliche Balkon- oder Gartenbesitzer alle Jahre wieder gefordert, die Singvögel der Umgebung zu füttern. Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst: Und weil ich zwischenartliche Konkurrenzkämpfe, unterschiedliche Nahrungsbedürfnisse und außerdem meine Kurzsichtigkeit berücksichtigen muss, habe ich in meinem nicht sehr großen Garten sechs verschiedene Futterplätze eingerichtet. In der Morgendämmerung eile ich also durch den Garten, hänge Meisenknödel und Müsli-Zapfen auf, fülle schalenfreie Kerne und getrocknete Früchte ins Vogelhaus und Erdnüsse (mit Schale) in Futtersilos, verteile süßliche Äpfel auf dem Boden und streue für die bodennahen Vögel Futter auf den Boden.
Sobald ich die Terrassentür wieder hinter mir geschlossen habe, verwandelt sich mein Garten in einen internationalen Flughafen. Ich habe drei verschiedene Meisensorten gezählt, Rotkehlchen, eine Türkentaube, einen einsamen Spatz, Kleiber, mehrere Gimpel, einige Finken und einen Zaunkönig. Außerdem ungefähr 25 Amseln, die wie unheilvolle Friedhofsboten schwarz und aufgeplustert auf dem Zaun sitzen und den Eichelhähern zusehen, wenn die ins Vogelhaus einfallen und wenig höflich alles, was ihnen nicht 100%ig zusagt, erbarmungslos herausfegen.
Meine Hunde betrachten meine Vogelnahrungsengpaß-Überbrückungsmaßnahmen als ihr persönliches Vogel-TV-Programm. Sie sitzen den ganzen Tag vor der Terrassentür und starren nach draußen, als würde ihnen dort eine Hundeversion von Hitchcocks „Die Vögel” geboten. Wenn die Eichelhäher sich kloppen – was ungefähr alle acht Minuten vorkommt -, bellt die schwarze Luise mahnend: Sie duldet keine Auseinandersetzungen auf ihrem Terrain. Gestern sah ich, wie sie versuchte, die Meisenknödel zu fressen, was ich mir nur mit Futterneid erklären kann: Dass Meisenknödel gut schmecken, glaubt doch kein Mensch. Obwohl ich natürlich nur das Allerbeste füttere. Bei der Fütterung jedweder Lebewesen in meinem Umfeld achte ich auf Qualität: So, wie ich meine Hunde nur mit Fleisch von glücklichen Biotieren und gutgelauntem Gemüse ernähre, bekommen die Vögel in meinem Garten nur Futter von Spezial-Vogelfutterherstellern, Fettknödel mit getrockneten Insekten darin und Nußzapfen, deren ausgewählte Zusammensetzung sich wahrscheinlich auch positiv auf meine eigene Konstitution auswirken würde, wenn ich endlich anfinge, mich selber vernünftig zu ernähren. Als ich meinem Bruder im Zuge meiner ornithologischen Begeisterung erzählte, ich habe gerade einen Karton getrockneter Mehlwürmer bekommen, fragte er ohne mit der Wimper zu zucken: „Ach – machst Du gerade eine Diät?” (Für diejenigen, die den auserwählten Sinn für Humor meines Bruders nicht verstehen: Die Mehlwürmer sind als Proteinquelle für die Amseln und Meisen gedacht).
Meine Nachbarn haben an ihren Vogelhäusern keinen einzigen Vogel zu Besuch. Offenbar hat sich längst herumgesprochen, dass nur wenig entfernt ein Spezialitätenrestaurant aufgemacht hat, obwohl bei den Nachbarn viel weniger Streß wäre: Aber eben auch nicht so viel zu gucken. Vögel sind da offenbar ähnlich wie Menschen, die eine neue In-Bar entdeckt haben: Auch wenn sie keinen Tisch bekommen, bleiben sie mit dem Drink in der Hand auch stundenlang am Rande des Geschehens stehen- Dabeisein ist alles.
Keine Ahnung, was ich in den Winterferien machen soll: Ich kann die Vögel ja nicht hängen lassen. Gibt es Tiersitter für Wildvögel im Garten? Sie sehen: Man braucht gar keinen Hund, um sich „angehängt” zu fühlen.

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