Ärger mit Harry und eine kalte Nacht im Auto

bild vom 17. Mai 2009
Am letzten Wochenende verschwand Harry, mein kleines grau-weißes Windspiel. Nach einem wundervollen Nachmittagsspaziergang, während dem sich die Lerchen schmetternd gen Sonne warfen und die Hunde begeistert auf den Feldern Krähen jagten, begegneten wir einem großen schwarzen Labrador und seinem spitzähnlichen Kumpel, die ohne große Umstände sofort ein Jagdspiel begannen: Harry war nicht erfreut, sondern rannte vor ihnen weg, immer um mich herum. Auf meine Bitte an die Besitzerin, sie möge ihren Hund bitte abrufen, mein Hund habe vor ihrem Angst, schrie sie mich an: „Sie haben ja überhaupt keine Ahnung, Sie bescheuerte Kuh! Ich bin Tierpsychologin! Die spielen nur!” Entgegen ihrem Fachwissen fand mein 5kg-Windspiel es nicht lustig, von dem schnaufenden 40kg- Labrador gehetzt zu werden, aber als ich die Frau erneut bat, ihren Hund abzurufen, beschimpfte sie mich aufs Übelste, ohne ihren Hund auch nur ein einziges Mal anzusprechen – und dann raste Harry raste davon.
Windspiele können bis zu 50 km/h erreichen, und in diesem Tempo kommt man ziemlich weit über Landstraßen oder Autobahnen. Von Natur aus ist Harry ein eher ängstlicher Hund, der sich von Fremden nicht gerne anfassen lässt und große Angst vor lauten Geräuschen hat. Ich suchte überall, in Feldern, Wiesen und Wäldern, bis weit nach Mitternacht. Ein entsetzliches Gewitter zog auf, der Regen prasselte, der Wind heulte, Äste brachen, Donner knallte wie Kanonen – kein Zeichen von Harry.
Die Angst, die einen in solchen Fällen packt, ist kalt, gemein und unbezwingbar. Die Schreckensbilder, die man sich ausmalt, sind unbeschreiblich.
Gegen zwei fuhr ich nach Hause, ab sechs Uhr früh suchte ich weiter. Im Umkreis von 10 km hängte ich Zettel mit einem Bild von Harry und meiner Telefonnummer auf: Niemand meldete sich. Irgendwann mittags fuhr ich erschöpft nach Hause, und kaum war ich kurz eingeschlafen, klingelte mein Handy: Jemand hatte ihn im Spargelfeld gesehen. Noch jemand rief an, der den Hund nachts um halb fünf an der gleichen Stelle gesehen hatte. Ich bin noch nie in meinem Leben so schnell gefahren.
Ich wußte nun, dass Harry lebte, ihn nicht der Schlag getroffen hatte und er nicht irgendwo mit gebrochenen Gliedern lag, und dass er offensichtlich mein Auto suchte. – Früher hätte man das Auto an der Stelle mit offener Klappe stehen lassen, und am nächsten Tag hätte der Hund im Auto gehockt – heute ist dann das ganze Auto weg. Also beschloß ich, an der Stelle im Auto zu schlafen, bis Harry wieder auftauchte: Soll keiner behaupten, Hunde würden das Leben nicht spannender machen. Im Auto zu übernachten hatte ich mir noch nie gewünscht, aber hey – ich bin immer offen für Abenteuer. Ein Anwohner namens Olaf brachte mir Apfelsaft, für meine Hunde einen Eimer mit Wasser und bemühte sich nach Kräften, mich bei Laune zu halten. Spaziergänger mit Hunden oder Fahrrädern schweiften aus, um Harry zu suchen. Um es endlich kurz zu machen: Ich fand ihn, bevor es dunkel wurde, nur einige hundert Meter entfernt von der Stelle, an der ich oft parke, in einem Waldstück. Warum ich genau an dieser Stelle suchte, weiß ich nicht, aber dort saß er, winzig, mit riesigen, angstgeweiteten Augen, so panisch, dass er auf mein Rufen nicht reagieren konnte. Aber kaum sah er mich und die anderen Hunde geriet er ganz außer sich vor Glück. Anschließend rief ich die ganzen fremden Leute an, die mir tagsüber bei Suchen geholfen hatten. Wissen Sie was? Es mag ja einzelne Irre geben, die einem das Leben schwer machen – aber es gibt ganz schön viele mitdenkende, zupackende, verbindliche Menschen, die einem das Leben viel leichter machen.

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