Co-Therapeuten

bildvom 25.9.2011
Einmal in der Woche gehe ich mit meinen Hunden in eine Kita für so genannte „unterprivilegierte Kinder”. Es sind Kinder, die zuhause in fast jedem Zimmer einen Plasmafernseher stehen haben, aber keinen einzigen Bauklotz, keinen Buntstift, kein Spiel. Sie können im Alter von fünf Jahren z.T. noch keine Sätze sinnvoll aneinander reihen, sondern sprechen in einer Babysprache, die man eher einem Zweijährigen zugestehen würde. Einige riechen streng, weil sie selten gewaschen oder gebadet werden. Um so etwas kümmern ihre Eltern sich nicht. Ich weiß nicht genau, worum sich diese Eltern überhaupt kümmern, mit ihren Kindern hat es jedenfalls wenig zu tun. Normale Sachen kennen diese Kinder nicht, keine Vögel, keine Kinderlieder, keine Kinderbücher. Anfangs hatten fast alle Angst vor Hunden, bis auf einen kleinen Macho, der mich mit professioneller Miene fragte: „Was kosten denn die?”
Wenn meine Hunde merken, dass ein Kind sich fürchtet, legen sie sich hin, warten, lassen die Kinder auf sich zugehen und durchbrechen nicht gleich die Distanz. Außer George, der jeden liebt, sich über jeden freut, und Kinder ganz besonders unwiderstehlich findet. Aber weil er mit einer Schulterhöhe von 23 cm so klein und beherrschbar wirkt, fürchten sich nicht einmal die Allerkleinsten vor ihm. Er ist der Eisbrecher. Wenn George strahlend durch die Tür trabt, höre ich schon von Weitem, wie die Kinder „Unsre Hunde kommen!” rufen. Die positive Wirkung von Tieren auf die Kinderseele, vor allem von Hunden und Katzen, ist längst bekannt und wissenschaftlich erwiesen. Einzelkinder, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen, lernen durch ihren Hund, sich auf andere einzustellen, nervöse Kinder lernen, wie wichtig es ist, geduldig zu sein, die Bedürfnisse ihres Hundes bringen egozentrische Kinder dazu, sich für etwas anderes als sich selbst zu interessieren. In der Gruppe gibt es ein Kind, das praktisch nicht redet. Es lässt sich nur ungern anfassen und schreckt zurück, wenn man es freundlich anspricht. Dieses Kind liegt mittlerweile stundenlang mit Harry, meinem eher zurückhaltenden Windspiel, in der Kuschelecke und streichelt ihn, bis sein Fell raucht und murmelt ihm irgendwelche Geschichten zu. Ein anderer Junge, der eher hyperaktiv und aggressiv wirkt und laut der Betreuerin viel herumschreit, ist ganz still, wenn die Hunde da sind. Nicht, weil er sich fürchtet, sondern weil er nicht will, „dass sich die Hunne erssreckn”, wie er mir erklärt hat. Er hat gemerkt, dass Fritz viel besser mit ihm Ball spielt, wenn er ihn nicht brüllend verfolgt: Dann macht Fritz nicht mehr mit.
Die Mädchen trauten sich schneller an die Hunde heran. Die Jungs taten auf obercool und so, als fänden sie Lego viel toller. Erst, als sie aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, dass es nicht zu Blutvergießen kam und keiner bellte, kamen sie dazu. Die Hunde wurden genau untersucht. Wieso hat Luise Schlappohren, die Windspiele aber komisch gefaltete Öhrchen? Warum ist die Nase so naß? Wozu haben sie Krallen? Sie dürfen die Hunde mit Hundekeksen füttern, sie bürsten, mit ihnen Kunststücke machen – aber meistens wollen sie vor allem kuscheln. Das sind wirklich schöne Nachmittage: Wenn alle Kinder in der Kuschelecke liegen, kreuz und quer die Hunde dazwischen, die hemmungslos gestreichelt werden, und ich stundenlang Astrid Lindgren vorlese, bis ich fast heiser bin: Wahrscheinlich ist das in diesem Moment der allerfriedlichste Ort in ganz Berlin.
Neulich kam einer der Väter, um seine vierjährige Tochter abzuholen. „Tschüß Hunde!” winkte sie. Ihr Vater war vielleicht 22 Jahre alt, betrachtete mich und meine Hunde geringschätzig und sagte: „Na, gehen Sie jetzt ein bisschen Bürgersteige vollscheißen?”

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