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Die andere Art, Schlittenhunde zu führen

tom andres

Schon ein ganz normaler Spaziergang mit den Hunden von Tom Andres ist ein Erlebnis. Dreizehn durchtrainierte, hochmotivierte Jagdhundmischlinge ohne Leine und Halsung rennen und toben durch den Wald und über Wiesen – aber auf einen kleinen Pfiff, ein ruhiges Handzeichen kommen alle eilig heran und ordnen sich hinter ihm ein.  Von Weitem kommt ein Cockerspaniel entgegen, der auch ohne Leine läuft, und der beim Anblick der großen Hundegruppe entsetzt losbellt. Die Hunde von Tom Andres, doppelt so groß, widmen ihm nicht einmal einen Seitenblick aus den stechend blauen Augen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt Andres, dem sie gutgelaunt wedelnd folgen.021020121423

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Der 34jährige Allgäuer ist einer der erfolgreichsten Musher Deutschlands – so nennt man den Lenker eines Schlittenhundegespanns. Sein Hundeteam ist seit fünf Jahren in Europa ungeschlagen.  2012 war er der Gewinner des Norwaytrails und dem Schlittenhunderennen in Vindelälvsdraget in Schweden. Im gleichen Jahr wurde er Vize-Weltmeister des berühmten Pirena Rennens in Spanien, einem 15-tägigen Etappenrennen, das kreuz- und quer durch die Pyrenäen führt, bei dem er mit seinen Hunden gegen 50 Teams und 600 Hunde aus aller Welt antrat.

Das Wichtigste im Zusammenleben mit Schlittenhunden ist Führungspersönlichkeit. Verglichen damit ist Schnee egal, sogar der Schlitten egal: Wer nicht führen kann, braucht mit diesen Hunden gar nicht erst anfangen. Tom Andres ist ein echter Hundemensch. Er kennt seine Hunde, weiß genau, mit welcher Persönlichkeit er es zu tun hat. Er verwechselt sie nicht mit Sportgeräten. Nach jedem Rennen kann man die gleiche Szene beobachten: Kollegen und Zuschauer, die gleich hinter dem Ziel angerannt kommen, um ihm zu gratulieren, ignoriert er, bis er sich bei jedem seiner Hunde einzeln mit einem Streicheln bedankt hat. „Das mache ich immer“, sagt er. „Schließlich haben die Hunde das Rennen gewonnen.“

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Diese Hunde sehen nicht aus wie typische Schlittenhunde. Es sind keine Huskies oder Malamutes, sondern so genannte „Euro-Hounds“: Mischlinge aus Deutsch Kurzhaar, Pointer, ein bisschen Greyhound und ca. 5% Husky. Der Jagdhund ist unverkennbar, der Husky taucht äußerlich nur in den stechend blauen Augen einiger Hunde auf. Aber gerade dass es keine typisch nordischen Rassen sind, ist wohl der Schlüssel des Erfolges des jungen Mushers. Der hohe Jagdhund-Anteil macht seine Hunde führiger und menschenbezogen, was den Umgang mit ihnen ungemein erleichtert. „Ich fahre nur etwa acht Rennen im Jahr“, sagt Tom Andres, „aber dazwischen muss das Leben  mit den Hunden ja auch funktionieren.“

Im „richtigen“ Leben ist Andres Justizvollstreckungsbeamter, worüber er sich selber wundert. Immerhin läßt ihm sein Beruf die Freiheit, seine Dienstzeiten so zu legen, dass er seinen Sport ausüben und den Hunden zeitlich optimal gerecht werden kann. Das merkt man den Hunden an: Obwohl sie „off season“ sind, sitzen sie ruhig und völlig entspannt in ihren großen Zwingern gegenüber von Andres’ Haus und einem großen Dammwild-Gehege, inmitten von Wiesen und sanften Hügeln. Kein Gebell, kein Getöse angesichts von Fremden, die zu Besuch kommen: Nur aufmerksames Beobachten.021020121422Das liegt daran, dass sie das ganze Jahr über physisch und mental ausgelastet sind. Üblicherweise trainieren Schlittenhundesportler erst ab Herbst ernsthaft mit ihren Hunden, die außerhalb der Saison wenig bewegt werden. Kurz vor Saison-Beginn müssen sie daher wieder von Grund auf mit dem Muskelaufbau beginnen. Andres dagegen fährt mit seinen Hunden das ganze Jahr über mehrmals in der Woche 20 km Fahrrad, geht schwimmen, spielt Frisbee und Ball und macht lange Spaziergänge im Wald – weshalb auch der Musher extrem gut in Form ist, um mithalten zu können. „Es ist für mich egal, wann ich mit dem Wagentraining anfange, weil die Hunde ja das ganze Jahr über gleichmäßig trainiert sind“, erklärt er. „Ich habe keinen Druck vor Saisonstart. Darum sind sie so erfolgreich.“

Tatsächlich hat Andres richtig Spaß mit seinen Hunden, das merkt man ihnen ebenso an wie ihm. Nur eine Handvoll Musher arbeitet so wie er – einer davon ist der „ewige Gewinner“ des Alpen-Trails, Heini Winter aus Augsburg, mit dem er sich zwar bei den großen Rennen immer wieder Showdowns auf den Trails liefert, allerdings auch Hunde tauscht, falls etwa ein Hund ausfällt: „ Es gibt nur sehr wenige Leute, denen ich die Hunde zur Verfügung stelle. Ich könnte sie z.B. nicht zu jemandem geben, der sie an der Leine führt, weil er das mit seinen eigenen Hunde auch immer macht. Meine Hunde würden sich in ihrem Wesen so eingeschränkt fühlen, dass sich das definitiv in ihrer Leistung niederschlagen würde.“

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Wenn er sich beim Spaziergang unterhält, bleibt ein Teil seiner Aufmerksamkeit immer bei den Hunden. Er bemerkt jede Tempoänderung, jeden Stimmungswechsel: Sogleich ruft er sie zurück und lässt sie alle hinter sich gehen. Wer versucht zu überholen, wird mit einer einzigen Handbewegung wieder nach hinten „geschoben“. Erst, wenn sie entspannt sind und den Fokus auf ihn gerichtet haben, dürfen die Hunde wieder frei laufen. Einmal, erzählt Andres, war er mit elf Hunden im Wald mit dem Fahrrad unterwegs, als zwei Rehe gemächlich den Weg überquerten. Er legte alle Hunde ins „Platz“. Die Rehe kamen zurück und ästen gemütlich auf der Mitte des Weges, bevor sie schließlich friedlich davon sprangen. Keiner der Hunde hatte auch nur ein Fiepen von sich gegeben. Ein paar Wochen später traf Tom Andres einen der für dieses Revier zuständigen Jäger, der ihn ungewohnt strahlend begrüßte. „Normalerweise sind Jäger nicht so begeistert, wenn man mit fünfzehn Hunden durch den Wald marschiert“, erzählt er. „Aber dieser hatte diese Szene vom Hochsitz aus beobachtet. Seitdem bin ich gerne gesehen.“

Mit einzelnen „Störern“ – Hunden, die immerzu Grenzen austesten wollen – arbeitet er immer wieder alleine. Er spürt genau, wenn sich die Gruppendynamik verändert oder die Hunde unaufmerksamer werden. „Dann muss die Gruppe eben mehr bei Fuß laufen. Manchmal gibt es auch Spaziergänge, auf denen sie die ganze Zeit hinter mir bleiben müssen, bis zu zwei Kilometer – ganz ohne Freilauf.“

Die Gehorsamkeitsübungen sind die Grundlage seines gesamten Trainings. Anders würde seine Art des Trainings und der Umgang mit einer so großen Gruppe nicht funktionieren: Ohne Regeln kein Freilauf, ohne Regeln kein entspanntes Miteinander, ohne Regeln kein Spiel und kein Spaß.

„Nach meiner Erfahrung ist diese Art des Trainings mit Huskies nur schwer möglich“, sagt Tom Andres. „Wenn man Huskies während des Rennens abschirrt, gehen sie durch, streiten mit anderen Hunden, und wenn während des Rennens Wild die Bahn kreuzt, folgt das ganze Team dem Reh mitsamt Schlitten. Ich kann meine Hunde während des Rennens in den Pausen ausschirren, damit sie frei laufen können. Dadurch regenerieren sie viel besser.“

Er hat insgesamt sechzehn Hunde, die in großzügigen Zwingern an seinem Haus leben. Den Grundgehorsam übt er mit den jungen Hunden einzeln, und zwar zuerst an der Schleppleine, bevor er sie mit der restlichen Gruppe mitlaufen lässt. „Die ideale Anzahl einer Hundegruppe ist eigentlich acht“, findet Andres, „aber das ist mir zu langweilig. Für mich sind zwölf perfekt. Darum habe ich sechzehn.“ Er lacht.

021020121422Seine Zwinger sind so angelegt, dass er nicht mehr anbauen kann. „Das ist eine Art freiwilliger Selbstkontrolle“, erklärt er. „Die ist in unserem Sport auch notwendig: Irgendwo gibt es immer noch einen guten Hund, den man gerne hätte, und einer geht theoretisch ja immer noch.“ Allerdings kann man sich um mehr als sechzehn Hunde kaum wirklich gut kümmern. „Ich kenne Musher, die haben 40, 50 Hunde – das ist viel zu viel. Die kommen gar nicht mehr vom Hof.“ Er selbst erkennt jeden seiner Hunde schon am Bellen. Er beobachtet sie genau: Wer in der Gruppe nachhaltig stört, für den wird ein neues Zuhause gesucht. „Es gibt Hunde, die nun mal nicht in Gruppen leben wollen“, sagt Andres. „Auch, wenn es richtig gute Hunde sind, bringt es nichts, wenn durch sie die ganze Gruppe unruhig wird. Diese Hunde sind glücklicher, wenn man für sie eine übersichtlichere Situation in einem neuen Zuhause schafft.“ Das gilt auch für seine „Pensionäre“ –  für sie findet er Sofaplätze. Sein ehemaliger Leithund Conan beispielsweise lebt bei seiner Mutter zusammen mit einer weiteren Hündin.

Tom Andres liebt seine Tiere, das ist nicht zu übersehen, die ihm alle offen und selbstsicher begegnen. Sein Lieblingshund ist der große schwarze Mogli – „er ist ganz sanft, unglaublich lieb und bezogen“. Den Status des Leithundes teilen sich  Blixtra, Thunder, Goldie, Posh und Spider. „Das sind die wichtigsten Hunde, die Schaltstelle zwischen Musher und Hundeteam, verantwortlich für die Lenkmanöver, die Geschwindigkeit, die Motivation“, sagt Andres.

Das Wichtigste bei der Auswahl seiner Hunde ist für Tom Andres deren Verhalten. „Meine Hunde müssen sozialverträglich und leicht zu disziplinieren sein. Und sie müssen leise sein, denn ich habe hier Nachbarn, und gerade bei mir wird natürlich darauf geachtet, ob die Hunde dauernd bellen. 021020121424Weil ich schon bei den Welpen darauf achte, dass sie freundlich und verträglich sind, kann ich sie spielerischer antrainieren. Dadurch, dass meine Hunde keine Konflikte miteinander haben, kann ich sie viel besser motivieren, weil sie sich im Team untereinander keinen Druck machen. So macht das Training viel mehr Spaß. Und darum geht es doch. Ich bin schließlich immer nur so gut wie meine Hunde.“

 

 

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