Ist Ihr Hund auch ausgelastet?

bildvom 15.8.2010

Ich war gerade auf einem Seminar für Hütehunde, weil mich immer interessiert, wie man Hunde für Spezialaufgaben ausbildet. Es gab dort erstaunlich viele Städter, die mit ihren Border-Collies gekommen waren, damit die Hunde ihr genetisches Erbe – oder ist es ihr Schicksal? – antreten und der Abwechslung halber Schafe hüten konnten. Es gab auch noch eine ganze Menge anderer Hunde, von passionierten Hütehunden bis hin zu fassungslosen Mischlingen jeglicher Couleur, deren Besitzer ihnen unbedingt die alte Kunst des Hütens näher bringen wollten. „Wir machen Agility, Obedience und Fährtenarbeit”, erklärte eine Frau mit einem Labrador-Shepherd Mix der Schäferin, die das Seminar leitete, „und ich würde furchtbar gerne Hüten. Donnerstags und Freitags hätten wir noch Zeit.”
Hunde haben mittlerweile Terminkalender wie Kinder: Statt Chinesisch, Ballett, Geige und Computerkursen machen Hunde Frisbeekurse, Dog-Dance, Treibball und Longieren. Hunde sollen „ausgelastet” werden, möglichst entsprechend ihrer genetischen Vorgaben als Apportier-, Hüte-, Schutz- oder Schoßhund. Das ist auch schön und richtig, erinnert aber mittlerweile an Eltern, die sich das Förderprogramm für ihre Kinder zur Lebensaufgabe machen, und deren Kinder Agendas haben, die an jene von Vorstandvorsitzenden erinnern. Genug ist nie genug, jede wache Minute muss in irgendeinem Kurs, Team oder Unterricht stattfinden.
Seit unsere Hunde zu vollwertigen Familienmitgliedern aufgestiegen sind mitsamt komplizierter Lebensläufe und psychologischer Hintergründe, haben Menschen Schuldgefühle, ob ihre Vierbeiner auch artgerecht beschäftigt werden. Sie fahren hunderte von Kilometern, um Seminare zu besuchen, die ihre Hunde bei Laune und in Form halten sollen. Hunde gehören Vereinen und Sportgruppen an und haben Spiel-Verabredungen und Babysitter, wenn die Menschen abends mal ins Theater wollen. Um den Hund geistig zu fördern, bekommt er sein Futter nicht mehr aus dem Napf, sondern muss es sich in einen Beutel verpackt „erjagen”. Er muss dreimal pro Woche in den Welpenkurs, dazwischen Busfahren und ins Einkaufszentrum, damit er lernt, Menschenmengen als normal zu empfinden, und Fallschirmspringen oder Riesenradfahren, um die Bindung zu fördern. Waren Sie in letzter Zeit mal in der Spielzeugabteilung im Tierhandel? Toys’R Us ist nichts dagegen.
Noch vor fünfzehn Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, Hunde „auszulasten”. Bis in die 70er Jahre waren die meisten Hunde nur selten angeleint oder eingesperrt, aber sehr zufrieden damit, durch den Tag zu trödeln, sich ab und zu mit anderen Hunden anzulegen, Mülltonnen auszuräumen und den Briefträger zu verfolgen.
Viele Hunde wollen viel weniger von ihren Besitzern, als die ihrerseits ihren Hunden unbedingt geben möchten. Die meisten Hunde brauchen etwa zwei Stunden Auslauf am tag, kein stundenlanges Werfen, Apportieren oder Herumhopsen mit vielen aufgeregten Artgenossen. Manche Hunde, die den ganzen Tag Bälle, Stöcke und Frisbees fangen und permanent Aktivitäten einfordern, sind eher ungezogen oder hyperaktiv als „ausgelastet”. Hunde brauchen Liebe und Aufmerksamkeit, aber nicht immer so viel, wie wir glauben. Sie brauchen Futter und etwas zum Kauen, aber oft nicht so viel, wie wir ihnen geben. Hunde brauchen Abenteuer, aber sie müssen auch lernen zu entspannen. Wenn man Straßenhunde beobachtet, leben sie ähnlich wie Löwen: Sie liegen viel herum und stehen ab und zu auf, um etwas zu fressen zu suchen, ein bisschen zu spielen oder etwas Interessantes zu beschnüffeln.
Mit Hunden zu Sport zu machen oder zu arbeiten ist wunderbar für Mensch wie Hund. Aber man muss Hunde auch ganz viel einfach in Ruhe lassen. Meine Hunde und ich haben einige unserer vergnügtesten Zeiten damit verbracht, zusammen einfach nichts zu tun.

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