Landleben

IMG_6100Heute sollte ein langweiliger Tag werden für meine Hunde. Ich mag das so: Gut  gut für die Nerven, und hier passiert sowieso immerzu irgendwas und viel zu viel. Der Garten ist so riesig, dass wir nicht dauernd spazieren gehen müssen, es war warm und wir hatten schon einen langen Morgenspaziergang gemacht. Den Rest des Tages saß ich an meinem Schreibtisch, schrieb an meinem Buch und bereitete ein Seminar vor. Dann machten wir gegen halb sieben doch noch einen Spaziergang. Es war immer noch heiß, die beiden Galgos, Amali und Nano blieben an der Leine, denn um diese Zeit kommt langsam das Wild aus der Deckung und ich wollte meine Ruhe. Es war schön – von Weitem sahen wir Traktoren beim Mähen, die Luft sirrte in der Wärme, Grillen zirpten überall, Lerchen warfen sich jubelnd in die Luft.

Auf dem Rückweg wurde es ein bisschen spannend: Plötzlich schoß ein Hase schnurgerade auf uns zu, und weil ich ihn zuerst sah, konnte ich Harry am halsband halten und mich wegdrehen – aber die beiden großen Hunde hatten ihn trotzdem gesehen, und Amali warf sich hysterisch schreiend nach vorne. Nano blieb schweigend neben mir stehen, nicht ohne mir einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen: Dafür wurde ich gezüchtet, du Banausin, und jetzt soll ich hier herumstehen? schien er zu fragen. Überall in ganz Deutschland stehen Hasen auf der roten Liste, man sieht sie nie, und wenn, schmilzt einem das Herz vor Glück. Nur da, wo ich wohne, gibt es massenweise Hasen, die sich offenbar in meine Arme werfen wollen, mich und meine Hunde jedenfalls verfolgen und mir den letzten Nerv rauben. Neulich warf sich einer der angeleinten Amali ins Maul – das muss man sich einmal vorstellen! Hinter mir fuhr ein älterer Herr mit dem fahrrad, der eine Viertelstunde lang japste, das habe er ja noch nie gesehen. Also sowas! Das habe er ja noch nie gesehen!

Wir spazierten nach Hause, auch Amali beruhigte sich bald wieder und schlenderte neben mir her. Bis wir am Hof der Nachbarn vorbei kamen: Da saßen zwei riesige Katzen im Gras und schrien sich an. Jedenfalls schrien sie so lange, bis Amali anfing, es ihnen gleich zu machen (kein schönes Geräusch: Man denkt, sie habe sich die Pfote abgeschnitten oder das Ohr abgerissen), weil sie die Katzen so aufregend fand. Und weil alle anderen sowieso noch Adrenalin-Hochstand hatten von dem kleinen Intermezzo mit dem Hasen, brüllten sie alle mit in den höchsten Tönen, obwiohl Katzen normalerweise überhaupt nicht unser Problem sind. Die Bäuerin kam gerade aus dem Kuhstall und rief nach Barthl, der seinerseits in nichts zurückstehen wollte und die Katzen auch verbellte, was das Zeug hielt, und dazu eine Bürste machte, die wirklich absurd aussah: Sein mittlerweile immerhin halblanges Fell stellte sich zwischen den Schultern und über seinem Po so auf, dass es aussah, als trüge er Donald Trumps Toupée, nur falsch herum. Ich marschierte mit den aufgeregten Hunden auf die Bäuerin zu, Rosi, die unbedingt Barthl auf den Arm nehmen wollte, aber er, der wirklich das Gegenteil von einem Einmannhund ist und seinen charme wahllos verteilt, wollte nun zum ersten Mal in seinem Leben partout keinen Kontakt. Was ging ihn das gute Verhältnis zu den Nachbarn an?

Rosi nahm es nicht krumm und bot den Hunden aus einem großen Eimer noch warme Kuhmilch an, was sie ihren Unmut über die Katzen vergessen ließen. Jedenfalls kurz, denn auf dem Hof wimmelte es von Katzen in allen Größen und Farben, zwischen den Rosen, zwischen den Kälbchen, zwischen den Maschinen. Die Katzen würden zwischen irgendwelchen Paletten Nester bauen, erklärte Rosi, da kämen sie nicht dran und könnten die Katzen deshalb nicht zum Kastrieren bringen. Amali fand, das ließe sich auch ganz anders regeln, aber wir ignorierten ihre Vorschläge. Im Stalll waren auch Kätzchen, aber hier überwog nun die Verwirrung über die Kälber: Bullen und Mutterkühe kennen meine Hunde inzwischen, aber so kleine Kälber – zwischen vier und acht tagen alt – hatten sie noch nie gesehen. Wenn ich der Meinung war, sie müssten sich diese Mini-Kühe nun ansehen, dann würde es schon richtig sein, aber wenn es nach Amali gegangen wäre, hätten wir uns diese Tour geschenkt. Harry überlegte nur, wie er nochmal an die Milch käme, nach der es hier so intensiv roch, Barthl versuchte, ungefähr eine Million Fliegen zu fangen, und Nano, Gretel und Pixel benahmen sich, als wären sie in einer Kunstausstellung auf einer Führung.

Die Bäuerin nahm eine ihrer Katzen auf den Arm und marschierte direkt neben uns her, was Amali kaum fassen konnte, aber weil sich niemand um sie und ihr Befinden kümmerte, hörte sie auch auf, sich aufzuregen. Ihr blieb heute einfach nichts erspart.

IMG_6254Jetzt ist später Abend. Die Hunde sind völlig erschöpft nach diesen Abenteuern. Amali liegt im Hundebett vor der Haustür und döst im Sonnenuntergang, vor uns auf der Weide stehen die Kaltblüter des Nachbarn, die der Hitze wegen nur nachts auf die Weide gebracht werden, und grasen friedlich. Ganz leise zirpen die Grillen und Barthls Quietschspielzeug, auf dem er versonnen herumkaut.

Mein Leben ist kein langer, ruhiger Fluß. Ich weiß auch nicht, wieso.

Gute Nacht.

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