Manieren, bitte!

bild vom 15.April 2013

Den Verfall von Kinderstube und Manieren lamentieren die meisten von uns täglich: An lautstarke, intime Auseinandersetzungen am Handy in der Öffentlichkeit hat man sich praktisch schon gewöhnt, auch das gemütliche Sitzenbleiben in der U-Bahn, wenn ältere Leute oder Hochschwangere echte Not haben, sich auf den Füßen zu halten, bis hin zu entschuldigungslosem Anrempeln von Fremden oder dem vorwurfsvollen „Aus dem Weg!”-Ruf von Fahrradfahrern, die bei 30km/h den Bürgersteig für sich beanspruchen.

Aber es gibt eine weitere, weitverbreitete Form der Unhöflichkeit, und vollkommen unzensierte Art und Weise, wie völlig Fremde sich über anderer Leute Hunde äußern. Neulich ging ich mit dem sehr, sehr alten Schäferhund einer Freundin spazieren. Er ist dreizehn Jahre alt, und man sieht ihm das auch an, so, wie eben an den meisten von uns das Alter schließlich nicht spurlos vorüber geht. Aber würden wir über eine alte Verwandte zu jemandem sagen: „Meine Güte, ist das Ihre Mutter? Die sieht ja furchtbar aus. Und bewegen kann sie sich auch kaum noch, wie es scheint. Naja, sieht so aus, als würde sie’s nicht mehr lange machen.”

Als ich vor vielen, vielen Jahren meine Mopshündin bekam, ein winziges, sehr niedliches kleines schwarzes Ding, sagte mein damaliger Vermieter auch frank und frei: „Der Hund ist ja so hässlich, dass es schon fast wieder gut ist!” Wie bitte? Ich meinerseits kam nie auf die Idee, ihn zu fragen, ob er bei der Auswahl seiner Ehefrau eine schwarze Brille getragen hat. Ein Freund von mir hat einen Hund mit Cushing Syndrom, eine Hormonstörung, die zu Wasser- und Fettansammlung im Körper und Haarausfall führt. Kein schöner Anblick, aber auch nicht so, dass man seinen Hund, den man schließlich liebt, direkt über den Jordan schicken müsste. Die gleichen Menschen, die – wie ich hoffe – nicht auf die Idee kämen, zu jemandem zu sagen: “Ihrem Mann gehen ja unheimlich die Haare aus!”, finden überhaupt nichts dabei, diesem Freund mitzuteilen: „Wieso hat Ihr Hund denn kaum noch Fell? Der sieht ja furchtbar aus!” Und wenn dieser Freund dann murmelt, „Ja, weiß ich, der Hund ist Teil meiner Familie, er ist immer bei mir, ich bade ihn, ich kämme und füttere ihn, er schläft bei mir, und bei all dem sehe ich ihn mir genau an” ist es schon zu spät für die Retourkutsche: „Nee. Aber wieso haben Sie denn eine Warze am Kinn?”

Hundebesitzer sind auch Menschen. Sie haben Gefühle und hängen an ihren Hunden, die für sie meist der viel besungene „beste Freund” und oft so etwas wie ein Familienmitglied ist

Ich bin meinerseits ein großer Freund offener Worte – aber ich gebe mir zumindest Mühe, Leute nicht unabsichtlich zu verletzen. Wie sagte einmal ein Freund von mir: „Nur weil’s wahr ist, muss man es nicht aussprechen.” Da ist was dran.

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