Vier Beine sind schwerer zu lenken als vier Räder

bildvom 16. August 2009

In Berlin und Hannover geht das Gerücht um, es solle ein Hundeführerschein eingeführt werden. In Hannover wären ca. 13 000 Hundebesitzer davon betroffen, in Berlin immerhin über 100 000. Schon stehen alle auf den Hinterbeinen: Abzocke! schreit das Volk, und gerade in der momentanen Lage kann man diese Befürchtung ja verstehen. Riesiger bürokratischer Aufwand! heult das Ordnungsamt, aber die tun nun wirklich keinem leid.
Tatsächlich ist ein Hundeführschein nämlich eine gute Idee. Wer in Hamburg oder Kiel einen Hundeführerschein gemacht hat, darf seinen Hund in Parks und auf Straßen frei laufen lassen (abgesehen von den so genannten „Listenhunden”, die nicht von jeweiligen Verordnungen befreit wurden), in Kiel vergünstigt sich für Hundeführerschein-Inhaber sogar die Hundesteuer.
Wer einen Hund hat, weiß, wie viele Leute da draußen mit Hund herum laufen, die sich stattdessen lieber Goldfische anschaffen sollten. Und weil es immer mehr Menschen und immer mehr Hunde gibt, es also immer enger wird, wird es immer schwieriger, diesen Unwissenden mit ihren Hunden aus dem Weg zu gehen. Was manchmal fatale Folgen haben kann. Wie die amerikanische Professorin der Zoologie Patricia McConnell es in „Das andere Ende der Leine” treffend beschrieb: „ Wir können nicht mit Tieren zusammenleben, die das Äquivalent von Teppichmessern im Maul haben, ohne gelegentlich Probleme zu bekommen.” Selbst wer hoch zu Roß in den Wald reiten möchte, muss auch erst das Kleine Reitabzeichen gemacht haben – oder er muss zuhause bleiben.
Ein Eignungstest führt womöglich dazu, dass macnhe Leute – auch wenn sie sich gewöhnlich für unfehlbare Superexperten halten – sich doch noch mal zehn, fünfzehn Unterrichtsstunden in einer Hundeschule unterziehen müssen und anschließend ihren Hund vielleicht besser verstehen – und besser im Griff haben. All jene, die plötzlich feststellen, dass sie sich mit der Auswahl ihres Hundes vielleicht doch übernommen haben, bekommen vielleicht noch ein paar nützliche Wegweiser an die Hand. Geschadet hat Mehrwissen noch keinem – oder kennen Sie jemanden, dessen Hund einfach viel zu gut gehorcht?
Die Kosten halten sich einigermaßen in Grenzen: Die Prüfung bei ausgewiesenen Hundeschulen kostet ca. 50 EUR, der Zettel an sich beim Einwohnermeldeamt 18 EUR oder 9 EUR, wenn man ihn im Internet beantragt. Allerdings gilt der Hundeführerschein nur für die Person, die ihn gemacht hat, und in Verbindung mit dem jeweiligen Hund, mit dem sie ihn gemacht hat. Ihre Großmutter, Tochter, Ihr Bruder oder Mann dürfen ohne Hundeführerschein mit dem Familienhündchen nicht ohne Leine spazieren gehen – außer, sie machen ihrerseits einen Schein. Und bei mehreren Hunden gibt es zumindest in Hamburg bisher auch keine Gruppenregelung.
Im Übrigen ist der Hundeführerschein auch gut für das eigene Selbstbewusstsein, wenn man mal wieder einem notorischen Hunde-Ablehner entgegen tritt: Denen, die Hunde sowieso nicht mögen, denen, die glauben, der Wald gehöre ausschließlich Joggern und Fahrradfahrern, oder solchen, die alle Hunde für wandelnde Bakterien-Herde halten, vor denen alle Kinder geschützt werden müssen. In Hamburg hat sich die allgemeine Situation mit Einführen des Hundeführerscheins jedenfalls deutlich beruhigt – selbst das Ordnungsamt ist gelassener. Mit einem Hundeführerschein hat man immerhin einmal offiziell bewiesen, dass man weiß, was man tut. Mit einem Hundeführerschein kann man sich eine Art Hunde-Daseinsberechtigung zurück-erarbeiten, die einem in großen Städten immer weiter beschnitten wird. Wer sich die Mühe macht, einen offiziellen Eignungstest zu machen, kann der Gemeinde ganz anders entgegen treten.
Und darum geht es doch, oder? Mehr Rechte für alle – auch für Hunde in der Stadt.

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