Beißhemmung

Hunde beißen. Mehr oder weniger. Sie beißen im Spiel, sie beißen, um sich zu wehren, sie beißen im Jagdfieber. Es ist natürlich, normal und notwendig, selbst bei Welpen: Nur so können sie entsprechendes Feedback erhalten und Kontrolle über die eigene Beißkraft gewinnen.Wer je einen Welpen aufgezogen hat weiß, dass Welpenzähne unglaublich spitz, scharf und gemein sein können – denn Hundekinder beißen gewöhnlich beim Spielen in alles, was ihnen zwischen die nadelsitzen Zähnchen gerät, gerne auch in die Hände, die sie füttern -, und müssen erst lernen, wie sie mit ihren Zähnen umgehen und ihre Kieferkraft dosieren sollen. Die Fähigkeit zur Kontrolle der Beißintensität nennt man Beißhemmung. Tatsächlich muss der Hund diese Fähigkeit erst erlernen.

Welpen müssen beißen, damit sie die Beißhemmung lernen können. Man kann sogar sagen, je mehr ein Welpe beim Spielen zwickt, desto besser kann man ihm die Beißhemmung beibringen, weil man sich ganz instinktiv wehrt, denn der Welpe muss lernen, die Kraft seines Bisses so zu hemmen, dass er einem anderen weder weh tut noch, noch verletzt. Wenn der Welpe zu doll zwickt, jault man laut auf und bricht sofort das Spiel ab – um dann nach kurzer Pause weiter zu spielen. Zwickt er wier versehentlich zu doll zu, wiederholt man die Reaktion. So wird er lernen, seine Beißkraft zu mildern, denn sonst ist das Spiel ja zuende, und das ist blöd.
Das Zeitfenster, in dem ein Welpe das so genannte “soft mouth” lernt, ist relativ eng. Es beginnt sich bereits zu schließen, wenn der Welpe im Alter von ungefähr 16-18 Wochen mit dem Zahnwechsel beginnt und sich die ersten bleibenden Zähne zeigen.
Deshalb sind auch Kontakte zu anderen, gleichaltrigen wie älteren Hunde so wichtig für junge Hunde:  nur so bietet man dem Welpen auch nach seinem Einzug in seine Menschenfamilie die Möglichkeit, seine Sozialisierung mit anderen Artgenossen fortzusetzen, die meistens nicht zimperlich sind, wenn man ihnen zu sehr in die Ohren beißt.

Ein Hund, der die Beißhemmung erlernt hat, wird im Laufe seines Lebens auch in “ernsten” Kämpfen kaum je Blut fließen lassen. Ein fabelhaftes Beispiel hierfür ist mein Rüde Fritz, der durchaus den ein- oder anderen Feind hat, wie z.B. einen Chihuahuarüden aus der Nachbarschaft, der sich mit Leidenschaft jedem fremden Rüden (und selbst großen Hündinnen, wie einmal meiner Pudelhündin Luise) an die Gurgel wirft. Fritz sah sich das über einen langen Zeitraum hin stoisch an, bis er eines schönen Sommertages beschloss, nun reiche es. Der Chihuahua und Fritz warfen sich aufeinander, tobten, knurrten, brüllten und spuckten. Das Chihuahua-Frauchen ging dazwischen, weil sie der Überzeugung war, ihr Hund würde tot gebissen und bekam einen beeindruckenden Bluterguß ab. Die beiden Rüden dagegen hatten nicht einmal eine Schramme, nicht das winzigste Loch, nichts.

Wenn siene Beißhemung gut aufgebaut wurde, wird selbst ein zum Beißen provozierter Hund  selten so fest zubeißen, dass er jemanden verletzt. Bei einem erwachsenen Hund, der kein “soft mouth” gelernt hat und dessen Bisse tiefe Wunden verursacht, ist die “Rehabilitation” wesentlich schwieriger, zeitaufwändiger und potentiell gefährlicher.

In diesem kleinen Video sieht man, wunderbar dass Nano und Jockel  mit ganz “weichem Maul” spielen (obwohl es in “Echtzeit” sehr wild und gefährlich wirkt, was die beiden machen) und einander, wie die Zeitlupenaufnahme zeigt, in Wirklichkeit kaum berühren.

6 Kommentare

  1. Hallo Katharina,

    unsere kleine Powder Puff Hündin wird regelmäßig von ihrem ehemals bestem Freund, einem jetzt fast zwei Jahre alten Chihuahuarüden, mit dem sie aufgewachsen ist, angegriffen. Er hat sie schon mehmals gebissen (ohne Blut) , so dass sich unsere Hündin nun richtig vor ihm fürchtet. Wäre er nicht an der Leine, hätte ich Angst vor einem Unglück. Wir können uns das nicht erklären, ich denke, mit der Geschlechtsreife fing das ganze an.
    LG Andrea

  2. Und Pixel mischt eifrig mit…

    Was ist denn das für eine geniale Vespa im Hintergrund?

  3. Genial! Mit Ton wäre es das perfekte Video für unsichere, ängstliche Hundebesitzer. Darf ichs verwenden?
    Solange die Hunde laut sind, gehe ich noch einen Kaffee trinken, erst wenn es still wird, olala! Ich kenne Hundebesitzer, die die ihren haben kastrieren lassen, nachdem sie solche Spiele beobachtet haben bzw. eben auch Kommentkämpfe erlebt haben. So was sollte in Hundeschulen gezeigt werden, finde ich.
    Sie sind eine echte “Fundgrube” ;-)) danke dafür

    • Katharina

      Ups, Ihren Kommentar hatte ich übersehen – verzeihen Sie. Natürlich dürfen Sie den Film verwenden, sehr gerne!
      (Mit Ton war’s mir zu laut 🙂 )

  4. Ganz herzlichen Dank für dieses Lehrvideo, liebe Frau vdLeyen!!
    Den “Kampf der Windhauchs” zeigen wir beim 3. Termin unserer neuen Hundephobie-Therapiegruppe,
    das “Krokodil-Spiel” beim 5. Termin als Vorbereitung auf den ersten Tiergarten-Spaziergang.
    Beim ersten Info-Abend hatte ich erklärt, wie Welpen im Spiel miteinander lernen, ihre Zähne verletzungsfrei einzusetzen – und mich sehr gefreut, ein paar Stunden später dieses Video zu entdecken 🙂
    Wie Renate schon sagte: Ich finde es ganz wunderbar, dass Sie so viele wirklich wichtige, hilf- und lehrreiche Artikel und Filme auf Ihrer Website posten. Danke!!!
    Herzliche Grüße
    Jorka Schweitzer

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