Das Spiel mit der Angst

Die Angst des Bürgers ist ein wunderbares Mittel, um sich als Politiker beliebt zu machen. Darum sind Hundeverordnungen und Leinenzwang so populär. Nichts ist leichter, als die Angst des Bürgers vor wilden Tieren zu schüren. Die Politik sollte dem lieben Gott täglich auf Knien danken, dass er ihnen den Hund geschenkt hat: denn mit einer „Hundeproblematik“ – erfunden oder nicht – lassen sich wunderbar viele verschiedene Themen abdecken, während man gleichzeitig von den wahren Problemen der Gemeinden ablenken kann. Berlin hat nicht etwa ein gewaltiges Müllproblem – nein! Die Hundehaufen sind der Skandal! Und soll man braven Bürgern vielleicht das Grillen  oder Picknicken verbieten, nur weil sie alles unter sich fallen lassen und jeder deutsche Park nach einem warmen Wochenende aussieht wie eine Müllhalde? Bloß nicht. Lieber Hunde an die Leine. Und dann die Kinderspielplätze. Die müssen unbedingt vor Hunden geschützt werden mit hohen Zäunen und Hundetotalverbot. Das lenkt ab von den Flaschen, Scherben und Spritzbestecken in Sandkästen, oder den Teenagern, die laut und rüpelig Schaukeln und Bänke besetzen, weil es keinen anderen Ort für sie gibt. Auch Jogger und Radfahrer müssen unbedingt vor Hunden geschützt werden, wenn sie schweißnass und verbissen ohne Tempolimit durch die Parks rasen, so dass Mütter mit Kleinkindern nur am aller-äußersten Wegrand spazieren gehen können (das Kind zur Sicherheit am besten angeleint), wobei ihnen in unübersichtlichen Kurven häufig nur der Sprung in den Graben bleibt.

Die Zauberformel für dieses und alle anderen Problem der Gemeinden lautet: Hunde an die Leine! Das schafft Arbeitsplätze (mehr Ordnungsamt), Einnahmen (mehr Bußgelder), und die Politiker haben das gute Gefühl, etwas für die Sicherheit des Bürgers getan zu haben. Sicherheit vor was eigentlich? Die steigende Beißstatistik wird gerne angeführt. Dabei ist sie verdreht: Hunde werden nicht gefährlicher, die Bisse nicht mehr als vor 50 Jahren, als man sehr gut ohne Hundeverordnungen zurecht kam. Nur war früher der bissige Hund des Nachbarn keine Schlagzeile wert. Heute wird aufgrund der sorgfältig geschürten Bürgerangst jeder schiefe Blick eines Hundes umgehend gemeldet von jemandem, der sich dadurch bedroht fühlt oder seinen Nachbarn nicht leiden kann. Neulich hat ein Einbrecher, der beim Einbruch gebissen wurde, den Hundehalter auf Körperverletzung verklagt (natürlich ist jeder Hundebiß einer zuviel, aber hinter jedem Hundebiss steht eine Geschichte, die meist ganz anders ist). Bundesweit liegt die Beißstatistik auf die kanide Gesamtpopulation umgelegt bei 1,1 Prozent. Von welcher Gefahr reden wir also? Dafür wird eine gesamte Spezies an die Leine gelegt und die Gesamtbevölkerung hysterisch gemacht? Hunde sind ein wirkungsvoller Sündenbock, auf den haben sich alle längst geeinigt haben. Auf diese Weise kann man der Angst immerhin vier Beine verleihen, Zähne, Ohren und eine Persönlichkeit, und von den politischen Unzulänglichkeiten wunderbar ablenken.

Die Angst vorm bösen Wolf sitzt tief. Wenn sie auch sonst häufig nicht viel begreifen vom normalen, täglichen Leben: Das haben alle Politiker verstanden.

vom 1.9.2013

vom 1.9.2013

 

 

 

 

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