Management-Training

bildvom 10.1.2011

Ich werde oft gefragt, wie ich es schaffen würde, gleich mit so vielen Hunden zusammen zu leben, während viele Leute kaum das Leben mit einem einzigen Hund meistern. Es ist tatsächlich vor allem eine Sache des Managements, und meine Hunde haben mir beigebracht, ein guter Manager zu sein. Ich behalte bestimmte Strukturen möglichst auch in Ausnahmesituationen aufrecht, damit sich alle darauf verlassen können, ich achte die Gruppen-Hierarchie, ich setze Grenzen, damit jeder zu seinem Recht kommt – nicht zuletzt ich selbst. Gutes Benehmen (= sich Einfügen in die Gruppe) wird mit Privilegien belohnt, ich bemerke die Signale meiner Hunde rechtzeitig und kann so fördern, was mir gefällt, und unterbrechen, was mich oder die Gruppe stören würde. Das macht einen guten Anführer aus – und keine Dominanz-Techniken oder harsche Disziplinierungs-Methoden.
Mich haben immer Hunde interessiert, die sich nicht so ohne Weiteres und ganz leicht erziehen lassen – nicht, dass ich ihretwegen nicht manchmal am Ende meiner Nerven bin oder ihnen drohe, sie im kompletten Familienpack zur Adoption freizugeben: Aber in Wirklichkeit schätze ich den Hang zum Widerstand, das ansatzweise Widerborstige, weil ich es spannend finde, auf welche Weise man zu einem Kompromiss kommen kann, der für beide Seiten funktioniert. Früher erzog man Hunde mit Druck und harschen Methoden, wer nicht parierte, wurde unterworfen – ähnlich gestaltete man häufig auch die Kindererziehung. Das funktionierte mit manchen Hunden und Kindern, wobei Hunde mit starkem oder unabhängigem Charakter dadurch häufig stur wie ein Maulesel wurden und jegliche Mitarbeit verweigerten; bei Menschen war das Resultat dieser Dressur die freie Liebe in Kommunen und Disco-Musik.
Vor einiger Zeit habe ich mich mit einem amerikanischen Eseltrainer unterhalten, Brad Cameron. Anschließend versuchte ich wild entschlossen, ihn zu überreden, Seminare für Hundehalter und Führungskräfte zu halten, aber er versicherte mir, es wäre ihm viel lieber, seine Zeit mit richtigen Eseln zu verbringen als mit solchen, die sich für etwas Besseres hielten.
Aber er hatte mir ein paar interessante Dinge gesagt. „Es dauert etwas länger, Esel auszubilden”, sagte er. „Nicht, weil sie dumm sind, sondern weil sie viel Zeit damit verbringen herauszufinden, warum der Mensch tut, was er tut. Sie fügen sich dann, wenn für sie der richtige Moment gekommen ist – nicht für uns. Man kann Esel nicht zwingen, nicht drohen oder sie nötigen. Durch die alten Erziehungsmethoden lernten Esel vor allem, dass der Mensch zum Fürchten ist – was gewaltigen und manchmal unüberwindbaren Widerstand bei Eseln auslöst.” Esel, die auf diese Weise von Menschen „ausgebildet” -oder eher: misshandelt – worden sind, wissen sich häufig nicht anders zu helfen, als sich den Menschen möglichst fernzuhalten – durch einen kräftigen Tritt. „Stattdessen muss man Esel eher philosophisch ausbilden”, erklärte Brad. „Man zeigt ihm etwas und bittet ihn, in deine Richtung mitzugehen. Zeigen und auf-fordern, nicht zwingen und ein-fordern. Indem man sich die Dinge aus der Sicht des Esels betrachtet, kann man ihm das, was man von ihm will, verständlicher machen – ganz ohne Druck zu machen. Auf diese Weise baut sich kein Widerstand auf, sondern eine Beziehung.”
Manchmal wundern sich Leute, warum ich in ernsten Zeiten wie diesen so gerne über Hunde schreibe, anstatt über Weltpolitik, Welthunger oder Weltfrieden. Die Antwort darauf ist: Weil Hunde – oder Esel – mir immer wieder die Welt erklären.

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